Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Wir wollen unsere Kinder fit für die Zukunft im Schaustellergewerbe machen.“

Andreas Horlbeck ist seit fast 15 Jahren Bundesfachberater für Bildung im Deutschen Schaustellerbund. Im Interview erklärt er, warum ein erfolgreicher schulischer Werdegang für den Schaustellernachwuchs immer wichtiger wird, was die Bildungsinitiativen für Schaustellerkinder und -jugendliche so einzigartig macht und wo er noch Handlungsbedarf sieht.

Herr Horlbeck, das Schulprojekt „Berufliche Kompetenz für Schausteller“ (BeKoSch) hat seit vielen Jahren einen festen Platz in der Schulausbildung der Schaustellerjugendlichen. Was macht das Projekt so besonders?

Die Angebote sind für die Schaustellerkinder und -jugendlichen maßgeschneidert und gehen auf ihre besonderen Bedürfnisse ein. So müssen die Lehrgänge zeitlich und räumlich große Flexibilität bieten. Die BeKoSch-Kurse ermöglichen es den Jugendlichen, ihrer Berufsschulpflicht nachzukommen, indem sie kompakte Kurse im Januar und Februar anbieten, wenn die Weihnachtsmarktsaison vorbei ist und die Volksfestsaison noch nicht begonnen hat. In den BeKoSch-Lehrgängen lernen die Jugendlichen außerdem wichtige schaustellerspezifische Fähigkeiten, wie Buchhaltung, Schweißen oder das Schreiben von Platzanfragen. Sein Geschäft und auch sich selbst richtig, professionell und aussagekräftig darzustellen, wird in Zeiten zunehmenden Konkurrenzdrucks immer wichtiger. Somit stellen  die BeKoSch-Kurse in gewisser Weise auch eine Art Ersatz für den fehlenden Ausbildungsberuf „Schausteller“ dar.

Es ist mir daher ein großes Anliegen, dass wir den Jugendlichen vermitteln, dass sie durch das Wissen, das ihnen in den Lehrgängen mit auf den Weg gegeben wird, etwas für ihren späteren Berufsalltag lernen.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Schaustellerjugendlichen in Ihren Augen heute?

Die Freizeitbranche ist stark umkämpft. Wir müssen unser Ohr am Puls der Zeit haben, um auch in Zukunft bestehen zu können. Wir müssen auf Trends reagieren können, idealerweise können wir sie sogar mit neuen Ideen selbst setzen.

Der Schaustellerberuf wird wie auch das Wirtschaftsleben im allgemeinen immer komplexer. Es ist daher wichtig, sich Wissen zu fachlichen Themen von außen anzueignen, um seinen Betrieb auch in der Zukunft erfolgreich führen zu können. Wir Schausteller sind zwar grundsätzlich Meister im „Learning by doing“, es gibt jedoch immer mehr Dinge, die man sich nicht mehr selbst beibringen kann. In diesen Gebieten müssen wir Rat annehmen – und eben auch mal wieder die Schulbank drücken, um uns weiter zu professionalisieren. Dafür müssen wir offen sein.

In meiner mittlerweile fast 15-jährigen Amtszeit als Bundesfachberater für Bildung haben wir zusammen mit dem Präsidium ja bereits eine ganze Generation betreut und konnten in diesem Zeitraum einen deutlichen Wandel feststellen. Der Bedarf an zielführenden und passgenauen Bildungsangeboten ist in dieser Zeit definitiv stetig gewachsen – zeitgleich mit dem Bewusstsein dafür, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft im Schaustellergewerbe ist.

Wie hat sich die schulische und frühkindliche Ausbildung der Schaustellerjugend in den vergangenen Jahren Ihrer Ansicht nach verändert?

Das Engagement – und auch die Bereitschaft – der Eltern, die Bildung ihrer Kinder kontinuierlich zu verbessern, haben in meinen Augen in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Ich stelle z.B. fest, dass es, auch auf Initiative der Eltern, zunehmend Schulwagen gibt, in denen die Kinder zusätzlich zu ihrer Stammschule in mobilen Klassenzimmern Förderunterricht erhalten.
Den Schulwagen kommt vor allem in der frühkindlichen Ausbildung eine ganz besondere Rolle zu. Da unsere Kinder in der Regel nicht die vorschulische Ausbildung in den Kitas erhalten, werden sie bereits mit einem Defizit eingeschult. Durch die Schulwagen kann dieses Problem erheblich abgefedert werden, weil sie auch die Vorschule abdecken.

Die Digitalisierung verändert auch den Bildungssektor und bietet ganz neue Möglichkeiten.  Online- Akademien schaffen Bildungsangebote, die von jedem Ort aus zu jeder Zeit genutzt werden können. Das virtuelle Klassenzimmer ist Realität. Die neuen Medien bieten uns da tolle Möglichkeiten. Wir möchten das Bewusstsein der Schausteller für diese neuen technischen Möglichkeiten daher zukünftig weiter schärfen und sie dazu ermuntern, die vielfältigen Angebote zu nutzen.

Welche Neuigkeiten gibt es darüber hinaus im Bereich der Schaustellerbildung?

Für die Zukunft ist geplant, das BeKoSch-Projekt um einen weiteren Standort im südlichen Raum zu erweitern. Hier haben bereits erste Gespräche stattgefunden. Nun werden wir die weitere Entwicklung nach allen Kräften vorantreiben.

Wir haben mittlerweile insgesamt durch die Schultagebücher, die mobilen Klassenzimmer und die BeKoSch-Lehrgänge ein System gefunden, das zwar die Kontinuität einer Schulausbildung nicht komplett ersetzen kann – aber durchaus ziemlich nah an einer ausgewogenen Schulausbildung ist. An dieser Stelle möchte ich daher auch insbesondere die Bereichslehrer nennen und ihnen im Namen des DSB meinen herzlichen Dank für ihre kontinuierliche gute und jederzeit engagierte Arbeit aussprechen. Denn sie sind die Stützpfeiler des gesamten Bildungssystems für unsere Schaustellerkinder. Das Netzwerk der Bereichslehrer ist in den vergangenen Jahren immer engmaschiger geworden, was natürlich auch zu einer weiteren Professionalisierung führt. So findet beispielsweise jedes Jahr an verschiedenen Orten in ganz Deutschland eine Bundesbereichslehrertagung statt, zu der der DSB ebenfalls eingeladen wird, um seine Expertise und Erfahrungen einzubringen. Wir nutzen diese Konferenz stets, um uns mit den Bereichslehrern auszutauschen und im gemeinsamen Dialog herauszufinden, an welchen Stellen noch Bedarf für Verbesserungen besteht.

Auch die Berufsschullehrer treffen sich seit einiger Zeit regelmäßig, um den Ausbau und die Verbesserung der Lehrgänge zu besprechen. Während ihres letzten Treffens haben sie sich darauf geeinigt, dass sie zukünftig verschiedene Lehrgänge als Zusatzangebote zu der grundsätzlichen Ausbildung an den jeweiligen Stützpunkten anbieten möchten. Während Nidda den Einzelhandelskaufmann/frau im Programm hat, böte sich in Neumünster beispielsweise ein Schweißlehrgang an. In Herne werden auch weiterhin die bewährten Lehrgänge Kaufmännische Grundlagen, Schweißen, Airbrush und Elektroinstallationstechnik angeboten. An der Grundstruktur der Ausbildung würde sich also nichts ändern, sondern die Angebote nur erweitert werden, da die Berufsschullehrer sich stets darum bemühen, weitere Lehrgänge aufzunehmen.

Herr Horlbeck, eine Frage zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die zukünftige Bildung im Schaustellergewerbe?

Zum einen wünsche ich mir, dass sich der „moderne Schausteller“ weiter etabliert. Es ist uns in der Fachgruppe Bildung ein ganz besonders großes Anliegen, die Schaustellerjugendlichen mit den Bildungsangeboten fit für die Zukunft in einem Beruf zu machen, der sich mit seinen Traditionen identifiziert – und sie lebt.
Es gilt, die neuen Medien, die technischen Möglichkeiten und das große Potenzial, das unsere moderne Welt mit sich bringt, zu nutzen, um sich kontinuierlich weiter zu professionalisieren.

Zum anderen hoffe ich, dass wir gemeinsam mit den Lehrkräften und den Bildungsministerien stetig neue passgenaue Weiterbildungsmöglichkeiten für unseren Nachwuchs entwickeln können, der die Schaustellerjugendlichen dazu motiviert, sich das zusätzliche Wissen anzueignen, weil es ihnen für ihren späteren Berufsalltag als Schausteller einen echten Mehrwert bringt.

In der wenigen Zeit, die uns Schaustellern für Weiterbildungsmaßnahmen zur Verfügung steht, muss das Maximum an Wissen – und zwar im Idealfall Theorie und Praxis verzahnt – vermittelt werden.

Sehr geehrter Herr Horlbeck, vielen Dank für das Interview!