Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Volksfeste sollte es auf Rezept geben!“

Dr. Andreas Feyerabend

„Wir machen Freizeit zum Vergnügen.“ – so lautet der kernige Slogan des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) und fasst damit zusammen, was alle wissen: Der Besuch eines Volksfestes bereitet größte Freude. Welch große therapeutische Wirkung ein solcher Besuch bei psychischen Erkrankungen hat, ist vielen Menschen noch neu.

Die Arbeitsgemeinschaft Volksfeste in Hannover (AGV) unterstützt seit vielen Jahren die psychiatrischen Wohn- und Pflegeheime der Dr. med. Anne M. Wilkening GmbH, eine der größten Einrichtungen für psychische Erkrankungen in Hannover und darüber hinaus. Für diese vorbildliche Aktion der in der AGV engagierten Schausteller erhielt die Arbeitsgemeinschaft als Zeichen der Dankbarkeit am 5. April auf dem Frühlingsfest in Hannover im Rahmen des VIP-Rundganges vom Geschäftsführer der Einrichtung Herrn Rechtsanwalt (RA) Timo Stein eine Verdiensturkunde und Auszeichnungsmedaille überreicht.

Der DSB hat sich mit dem Geschäftsführer der Einrichtung, Herrn RA Timo Stein und Herrn Andreas Feyerabend, Leitender Dozent der Niedersächsischen Akademie für Gesundheit und Soziales (NAGuS) zum Interview getroffen, um mehr über die „Heilfaktoren für psychische Erkrankungen“ durch Volksfeste zu erfahren.

Herr Rechtsanwalt Stein, was schätzen Sie an der Zusammenarbeit mit der AGV besonders?

Unsere Bewohner haben zum größten Teil psychische Erkrankungen. Sie leiden unter Depressionen, unter den Folgen von Traumatisierungen wie z. B. durch sexuelle Übergriffe, unter Schizophrenien oder anderen Erkrankungen.

Gerade für psychisch kranke Menschen ist eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für den Genesungsprozess von entscheidender Bedeutung. Ich sehe immer wieder im beruflichen Alltag, dass seelische Erkrankungen oftmals dazu führen, dass positive Gefühle wie z.B. Freude, Glück oder Zufriedenheit lange Zeit nicht mehr bewusst erlebt werden können. So entsteht ein „Teufelskreis“, der sich ausschließlich um negative Gefühle und Gedanken dreht. Dies schwächt zusätzlich das Selbstwertgefühl. Mit Volksfesten verbinden aber viele Menschen positive Gefühle. Eben diese Gefühle gilt es auch in der Therapie und im Wohn- und Pflegeheimalltag wieder zu reaktivieren.

Leider können sich unsere Bewohner oftmals Karussellfahrten nicht leisten. Durch die Freikarten, die ihnen von der AGV zur Verfügung gestellt werden, haben sie aber die Möglichkeit, diese Freude wieder zu erleben.

Wie verändern beziehungsweise bereichern diese Besuche den Wohnheimalltag?

Wir sind bemüht, möglichst viele Aktivitäten außerhalb der Wohnheime anzubieten. Gerade bei Volksfestbesuchen sehen wir ein Strahlen in den Augen unserer Bewohner. Ihnen wird oftmals nach langer Zeit wieder bewusst, wie (gut) sich „Freude“ anfühlen kann, wie gut es ist, abgelenkt zu sein, wie gut es sich anfühlen kann, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Von den Erlebnissen wird oftmals noch Wochen später gesprochen. Diese werden in der Ergotherapie z. B. anhand von Bildern festgehalten. Unsere Mitarbeiter in den Wohnheimen können die positiven Erfahrungen und Glücksgefühle der Bewohner mit in den Tagesablauf und deren Arbeit integrieren. Eine Bewohnerin mit schweren Depressionen sagte mir einmal: "Ich habe mich schon lange nicht mehr so frei und glücklich gefühlt". Wir sind der AGV für diese Förderungen daher unendlich dankbar!

Herr Feyerabend, in welcher Form tragen Volksfeste dazu bei, die Behandlung von psychisch erkrankten Menschen zu unterstützen?

Die Bewohner schaffen es so tatsächlich für einen Moment lang, ihre Sorgen zu vergessen und dem Stress aus dem Alltag zu entfliehen. Sie sind durch etwas Positives abgelenkt. Dazu kommen physiologische Reaktionen. Das Lachen sorgt für eine Vertiefung der Atmung, die Aufnahme von Sauerstoff im Blut ist stark erhöht, Glücksgefühle werden ausgeschüttet, Stresshormone werden gezielt abgebaut. Zudem wird auch die Schmerzwahrnehmung reduziert. Ein Patient hat mir einmal gesagt: "Lachen auf einem Volksfest wirkt genauso wie Aspirin, nur doppelt so schnell." Das trifft es auf den Kopf.

Sie haben auch 10 Jahre auf einer Akut- und Regelstation der psychiatrischen Klinik in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gearbeitet. Hier haben Sie selbst Volksfeste mit Patienten besucht. Wie sehen Ihre Erfahrungen aus?

Die Freude, die diese Menschen verspüren, unterstützen den Genesungsprozess ohne Zweifel! Ich habe zu meiner Klinikzeit auch die Erfahrung gemacht, dass diese positiven Aktivitäten bei Patienten, die eine akute Krise überwunden hatten, und nach gezielter Psychotherapie wieder zur Kirmes gingen, wieder lachen, Geschehnisse vergessen und die positiven Erlebnisse wahrnehmen und „mitnehmen“ konnten – und das oftmals schneller, als nach vielen Psychotherapiesitzungen. Die Patienten erzählten ihren Freunden von ihren positiven Erfahrungen, aktivierten soziale Netzwerke, tauten wieder richtig auf und bekamen ein großes Strahlen in den Augen. Durch die Karussellfahrten bspw. waren die Betroffenen wie ausgewechselt. Sie lachten und freuten sich. Die Patienten berichteten mir dann, dass sie nicht lachen würden, weil sie glücklich sind – sondern glücklich sind, weil sie lachen. Eine tolle Erfahrung!

Wie wichtig ist die Rolle der mentalen Verfassung in dem Genesungsprozess?

Auf die mentale Stärke kommt es an. Der Patient muss aus seiner Krise herauskommen wollen. Wenn er das einmal für sich erkannt und einen kleinen Funken Hoffnung verspürt hat, dann ist das ein sehr großer Erfolg und eine gute Basis für die weitere Therapie. Durch Volksfeste spüren die Patienten wieder eine Leichtigkeit. Die Karussellfahrten erinnern die Patienten zum Beispiel an ihre positiven Gefühle und Erlebnisse, die unter ihren Depressionen oder Traumata oftmals verschüttet worden sind. Auch das Eingliedern in unsere Gesellschafft war nicht mehr möglich aus Angst vor Stigmatisierung und Scham. Es ist der falsche Weg, Menschen die etwas Schlimmes erlebt haben, nicht mehr zum Lachen zu bringen oder gar auszugrenzen. Diese Menschen müssen dort wieder hingeführt werden und dabei können Volksfeste immens helfen. Deswegen sollte es Volksfeste auf Rezept geben!

Lieber Herr Stein, lieber Herr Feyerabend vielen Dank für das Interview!

 

Zu den Personen:

Timo Stein ist seit 2002 zugelassener Rechtsanwalt, u. a. Fachanwalt für Sozialrecht, leitete über 10 als Bundesgeschäftsführer den APH Bundesverband e.V., einen Leistungserbringerverband in der sog. Pflege-Selbstverwaltung und ist dort als Bundesvorsitzender heute noch tätig. Hauptberuflich ist er Geschäftsführer der Dr. med. Anne M. Wilkening-Unternehmensgruppe, die über 1.000 Klienten mit somatischen, psychischen und neurologischen Erkrankungen versorgt.

Andreas Feyerabend ist Psychotherapeut, Supervisor und leitender Dozent der Niedersächsischen Akademie für Gesundheit und Soziales (NAGuS GmbH & Co. KG). Hier bildet er selbst Fachpersonal, unter anderem für die Psychiatrie, aus. Er ist zudem Fachberater für Psychotraumatologie , Praxisanleiter im Gesundheitswesen und Fachkraft für sozialpsychiatrische Betreuung.

Er war 18 Jahre lang Mitarbeiter der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und leitete dort unter anderem die Traumaambulanz für psychische Traumatisierungen. Zudem leitete er mehrere Symposien zum Thema „Humor und Psyche“.