Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Wunderschöne und gepflegte Pferde in schmuckvollen Reitbahnen waren und sind ein Highlight auf jedem Volksfest.“

Die Schauspielerin Rebecca Siemoneit-Barum, die selbst im Circus aufwuchs, spricht im Interview über das Thema Tiere auf der Reise.

 

Frau Simoneit-Barum, als ehemalige Juniorchefin des Circus Barum sind Sie vom Fach. Wie ist es in Ihren Augen um das Wohlbefinden und den Gesundheitszustand der Tiere auf der Reise bestellt?

Meiner Meinung nach führen Tiere im Circus oder auf der Reise in Schaustellerbetrieben grundsätzlich ein friedliches und abwechslungsreiches Leben. Um aus meinen langjährigen und intensiven Erfahrungen zu sprechen: Sie werden geliebt, gehegt und gepflegt wie ein Haustier, nur noch intensiver, da sie jeden Tag auch noch einem Publikum präsentiert werden. Im Circus oder auf der Kirmes ist alles öffentlich! Der Umgang mit den Tieren ist meist nicht nur seit Generationen in der Familie weitergegeben worden, sondern unterliegt heutzutage sehr strengen Reglements. Zu behaupten, dass es Tieren auf der Reise grundsätzlich nicht gut gehen würde oder, dass sie "gequält" werden, basiert auf Unkenntnis.

Wie beurteilen Sie die staatliche Kontrolle der Tiere auf der Reise?

Die Tierhaltung im Circus oder der Pferde auf der Kirmes hat sich in den vergangenen 20 Jahren immens weiterentwickelt und befindet sich im ständigen Optimierungsprozess. Genauso wichtig wie große Gehege und Koppeln ist die Beschäftigung der Tiere. Deshalb bietet das Leben in einem Circus wie z.B. dem Circus Krone für Tiere eine unglaubliche Abwechslung, denn ihr Gehege befindet sich jede Woche an einem anderen Ort mit neuen Böden, Pflanzen und Entdeckungsmöglichkeiten. Zusätzlich gibt es jeden Tag die Interaktion mit dem Tiertrainer, die Auftritte vor Publikum und je nach Tierart weitere interessante Reize, wie z.B. ein Bad im See oder Fluss für Elefanten oder Ausritte mit den Pferden. Kirmespferde werden ebenso streng kontrolliert wie Zirkustiere, so müssen u.a. ihre Ruhezeiten nachgewiesen werden.
Die Transporte sollten auf keinen Fall mit Schlachttransporten verglichen werden. Die Schaustellertransporte sind hochmodern und luxuriös ausgestattet, von kurzer Fahrtdauer und für die meisten Tiere schlichtweg ihr "Bett", in das sie ganz entspannt und voller Vertrauen ein- und aussteigen. Der Nashornbulle Tsavo, mit dem ich aufgewachsen bin und der jetzt seinen Lebensabend topfit im Circus Krone verbringt, läuft auf Zuruf in seinen Wagen und legt sich auch tagsüber gerne mal zum Schlafen hinein. Nervöse, unglückliche oder kranke Tiere wären keine guten Manegen Partner. Kein verantwortungsvoller Tiertrainer möchte mit Qual sein Leben verbringen, sondern seine Tierliebe in unvergleichlicher Partnerschaft zwischen Mensch und Tier leben – und das merkt auch das aufmerksame Publikum! Deshalb kämen heutzutage auch eventuelle Missstände schnell ans Licht, weil das Publikum sensibilisiert ist! An sich eine gute Entwicklung!

Sie sind in jungen Jahren selbst jahrelang mit dem Circus gereist. Wie haben Sie dabei das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier empfunden?

Ich habe im Circus von klein auf gelernt, dass jedes Tier seine eigene Persönlichkeit hat, die geachtet werden muss. Jedes Tier! Es wird im Training und in der Ausbildung des Tieres auf die jeweiligen Charakterzüge des Tieres Rücksicht genommen und darauf eingegangen. Ich bin unglaublich dankbar dafür, so eng mit Tieren aufgewachsen sein zu dürfen. Diese Nähe zu den Tieren lässt einen ein Leben lang nicht mehr los. Es ist sehr schmerzhaft, dass die heutige Gesellschaft sich häufig selbst zu Tierexperten ernennt und unsereins das Fachwissen absprechen möchte. Als Hobby mit Tieren zu interagieren scheint uneingeschränkt in Ordnung zu sein, doch als Broterwerb wird die Arbeit mit Tieren verdammt. In Anbetracht dessen, dass der hemmungslose Fleischverzehr in Europa zu den grauenvollen Massentierhaltungen und Fleischfabriken führt eine absolute Heuchelei.

In den vergangenen Jahren häufen sich Demonstrationen vermeintlicher Tierschützer, teilweise direkt auf Circus- und Kirmesplätzen. Was entgegnen Sie diesen Demonstranten?

Man hat jahrelang versucht, solche Proteste zu ignorieren, doch die Tierrechtsorganisationen haben das Familienpublikum mit ihrer aggressiven Propaganda und ihren fundamentalistischen Weltbildern gezielt verunsichert. Als Circus- oder Schaustellerbetrieb muss man mit Transparenz und Aufklärung gegensteuern. Dem Publikum muss erklärt werden, wie die Tiere gehalten werden, je mehr es zu sehen gibt, desto besser. Es ist mühsam und schmerzhaft, sich gegen ständige Anschuldigungen zu wehren und seine Familientradition rechtfertigen zu müssen, als sei man Teil der organisierten Kriminalität.

Wie beurteilen Sie mit Blick auf unsere Volksfeste das dortige Pferdereiten für Kinder?

Ich liebe die schön gemachten Pferdereitbahnen und sehe bei verantwortungsvoller Haltung und Durchführung des Betriebes keinen Grund, diese Tradition abzuschaffen. Es ist nicht richtig, jede Interaktion zwischen Mensch und Tier zu verteufeln und ich wehre mich dagegen. Ich sehe mich als Tierschützerin von ganzem Herzen und als frühes und langjähriges Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Tierlehrer würde ich Missstände niemals dulden und unangezeigt lassen. Wunderschöne und gepflegte Pferde in schmuckvollen Reitbahnen waren und sind ein Highlight auf jedem Volksfest, das auch platzbedingt eine tiergerechte Unterbringung möglich macht.

Fotonachweis: ©Steven Mahner (WDR)