Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Wir sind die Experten!

Ein Kommentar von DSB-Präsident Albert Ritter über Kompetenz in Sachen Volksfeste.

DSB-Präsident Albert Ritter: "Städte sollen Sachkompetenz der Schausteller nutzen."

Immer wieder muss ich mit großem Erstaunen bei Verhandlungen über Kirmessen und Volksfeste feststellen, dass die Aussagen der wirklichen Experten für Kirmessen, Volksfeste und Weihnachtsmärkte – die Meinung der Schausteller – nicht ernst genommen und gewürdigt werden. Es versetzt mich immer wieder in Erstaunen, dass frische Volksfestmacher, die erst kurz in der Verantwortung stehen, versuchen, an allen Erfahrungen von Jahrzehnten vorbei, Neuerungen durchzusetzen, die gegen alle vernünftige Logik sprechen und sogar die Zukunft mancher Volksfeste aufs Spiel setzen! Es ist nicht nachzuvollziehen, dass manche Neulinge vollkommen beratungsresistent sind und die Fachkompetenz der Schausteller leugnen, und die Behauptung aufstellen, dass man – auch wenn man vollkommen branchenfremd ist – es besser könne, da man ja von außen unvorbelastet Neues probieren könnte. Aber unsere deutschen Traditionsvolksfeste dürfen nicht durch Experimente beschädigt werden.
Ist ein Volksfest erst am Boden, dauert es Jahrzehnte, um es wieder ans Laufen zu bringen – wenn es überhaupt jemals wieder gelingt. Die Volksfeste sind wichtiges kulturelles Brauchtum und für uns Schausteller auch unverzichtbarer Teil zur Arbeitsplatz- und Existenzsicherung. Wir Schausteller sind auf funktionierende Feste angewiesen, um zu überleben. Wir können nicht einfach in ein anderes Amt wechseln, wenn die Kirmes am Boden liegt.
Es ist z. B. hanebüchen, dass jüngst in einer Bezirksvertretung der fünftgrößten Stadt in Deutschland allen Ernstes, ohne Sachargumente, aus rein emotionalen Beweggründen heraus, von den politischen Vertretern gefordert wird, nach 60 Jahren Kirmes im Park, den traditionellen Autoskooter und Karusselle zu verdammen und alle anderen anwesenden Politiker mit dem Kopf nicken, wenn dann – man will es nicht für möglich halten – alternativ angeboten wird, doch eine größere Anzahl an kleinen Buden aufzustellen, was sicherlich der Attraktivität der Kirmes keinen Abbruch leisten würde. Solcherlei Unwissen ist nicht nachzuvollziehen.
Von Politikern wird geplant, Plätze an die Peripherie der Städte zu legen. Und wenn dann solche Politiker mit einen Augenzwinkern den Schaustellern sagen: "Ihr seid doch so attraktiv, ihr zieht euch die Leute schon dorthin!", bekomme ich Wut im Bauch!
Die finanzielle Zumutbarkeit von Gebühren und Standgeldern ist längst erreicht und geht vollkommen an den Tagesrealitäten der zu erzielenden Umsätze auf Kirmesplätzen vorbei. Dass die Kirmesstandgelderhöhung dabei einfach an den jährlich wachsenden Lebenshaltungsindex gekoppelt wird, ist für die Schaustellerkollegen einfach nicht mehr zumutbar.
Ein voller Kirmesplatz bedeutet nicht gleichzeitig volle Kassen für die Schausteller. Wenn viele Menschen über die Kirmes laufen, bedeutet das nicht, dass diese auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ausreichend Geld dort ausgeben können.
Den Politikern und Entscheidungsträgern empfehle ich daher dringend, den Kirmesplatz auch einmal an einem Werktag oder bei schlechtem Wetter aufzusuchen und nicht nur am Feuerwerksabend, wenn der Platz gefüllt ist, weil die Schausteller von ihren Standgeldern den Bürgerinnen und Bürgern ein Feuerwerk schenken.
Es ist der total falsche Ansatz, eine Kirmes für eine Stadt als erfolgreich einzustufen, wenn alle Schausteller drei Monate vor Kirmesbeginn ihr Platzgeld bezahlt haben.
Ein Volksfest ist dann erfolgreich, wenn die Menschen einer Stadt Spaß und Freude auf Ihrem Fest haben und nicht, wenn nur der Gebührenhaushalt der Kommune aufgebessert wird.

Wenn’s um Kirmes geht, fragen sie nicht ihren Arzt oder Apotheker!
Da werden beispielsweise die Einfahrten zu Kirmesplätzen von Verantwortlichen gestaltet, die selber große Mühe haben, mit ihrem Golf in eine Parklücke zu gelangen. Diese Planer glauben trotzdem, sie wüssten, was gut und richtig wäre, um mit einem Schwerlasttransport nach Schaustellerart auf einem Festplatz rangieren zu können.
Wir brauchen auch keine selbsternannten Kirmesexperten, die meinen, nach einigen Jahren Berichterstattung in den einschlägigen "Fachzeitschriften", einen Doktortittel in Sachen Schaustellerei erlangt zu haben, um dann zu allen Volksfest- und Kirmesthemen kompetent Stellung nehmen zu können.
Um wirklich beurteilen zu können, ob z. B. Schaustellergeschäfte verträglich gegenüber platziert werden können oder nicht, muss man selber einmal Stunde um Stunde am Mikrofon gearbeitet haben. Nur wer selbst einmal rekommandiert oder eine Parade gemacht hat, kann beurteilen und wirklich einschätzen, was nachbarschaftsverträglich ist oder nicht!
Ob die Oberfläche eines Kirmesplatzes karusselltauglich ist, kann man ebenfalls nicht vom Schreibtisch aus ermitteln. Nur derjenige, der nach durchgearbeiteter Nacht schon einmal versucht hat, mit Kollegenhilfe und drei Zugmaschinen einen tonnenschweren Mittelbau wieder von einem Platz herunter zu bekommen, welcher aus künstlerischen Gestaltungsgründen nur mit Mutterboden belegt wurde, der weiß aus leidvoller Erfahrung, wie Standplätze beschaffen sein müssen.
Wenn’s um Kirmes geht, fragen sie nicht ihren Arzt oder Apotheker! Fragen Sie die wahren Experten: die Schausteller! Denn die Schausteller machen Kirmes nicht nur einmal im Jahr, sondern Woche für Woche, Jahr für Jahr, ein Leben lang und schöpfen aus der Erfahrung von Generationen, die ebenfalls vor Ihnen diesen Beruf ausgeübt haben.
Wer in Vorgesprächen zu Volksfesten die Schausteller befragt und dennoch offenen Auges ihre Anregungen außer Acht lässt, könnte  leicht in den Verdacht geraten, dass dies die Arroganz der Macht ist.
Weit geht es da an den Tagesrealitäten vorbei, eine Kirmes oder ein Volksfest nur mit Rabattaktionen beleben zu wollen. Die "Geiz-ist-geil"-Mentalität gehört der Vergangenheit an. Es muss den Besuchern vermittelt werden, dass die harte Arbeit der Schausteller ihr Geld wert ist.
Es muss das Alleinstellungsmerkmal und die Qualität nach vorne gebracht werden, so, wie es auch in der Marketing-Studie des Deutschen Schaustellerbundes empfohlen wird, die gemeinsam mit Volksfestveranstaltern erarbeitet wurde.

Pro Jugendschutz! Kontra Flatrate-Saufen! Familienfreundlichkeit nach vorne!
Volksfeste in Richtung Ballermannisierung zu schieben, ist der absolut falsche Weg. Dazu gehört auch die Ballung und die Aneinanderreihung von Bierzelten. Die Vermeidung einer Konzentration des Bierkonsums auf Volksfesten muss bei neueren Überlegungen unbedingt berücksichtigt werden.
In Arbeitskreisen, die für den Erhalt und die Zukunftsplanung von Volksfesten gegründet werden, sollte man Schausteller nicht nur als Feigenblatt benutzen und nach stundenlangen Diskussionen dann doch an den Argumenten der Schausteller vorbei entscheiden. Schausteller sind die wahren Experten, wenn es um Volksfeste geht. Schausteller entscheiden nicht abgehoben am Grünen Tisch, sondern sie üben ihren Beruf Woche für Woche, Jahr für Jahr und meistens über Generationen hinweg aus und sind mit dem Thema hautnah befasst – im Gegensatz zu einer Vergabebehörde, die Entscheidungen vielleicht nur einmal im Jahr treffen muss.
Die Schausteller können berichten, was auf anderen Veranstaltungen falsch gemacht wurde, um somit Schaden abzuwenden.
Der Vergabe-Mix auf Volksfesten und Kirmessen muss stimmen. Nur der gute Branchen-Mix ist der Garant für eine gelungene Veranstaltung.
Die Gestaltung von Volksfestplakaten darf nicht davon abhängig sein, ob ein Politiker gerne einem beliebten Künstler auf dem Plakat eine Plattform zur Selbstdarstellung geben möchte. Die einfachen Kriterien für eine Plakatgestaltung "Was? Wann? Wo?" haben immer noch Gültigkeit und sind mit Erfolg gekrönt.
Und das, was auf einem Plakat ist, immer noch am erfolgreichsten mit einem kirmestypischen Motiv darzustellen, ohne dass man künstlerische Deutungsversuche unternehmen muss. Auch wissen wir Schausteller, welche Werbemedien die effektivsten sind. Auch darüber gibt die Marketingstudie erfolgreich Auskunft.

Ich appelliere an alle Volksfest- und Kirmesverantwortlichen: Nehmen sie die wahren Experten für Kirmes und Volksfeste, die Schausteller, mit ins Boot!
Ignorieren sie nicht die Erfahrung von Generationen! Das soll nicht heißen, dass diese über Platzvergabe entscheiden sollen. Nein, aber über die strukturelle Zukunftsausrichtung der deutschen Volksfeste können die Schausteller aufgrund ihrer jahrhundertelangen Erfahrung einen erheblich positiven Beitrag leisten.
Umso mehr bin ich darüber enttäuscht, dass die vom DSB initiierten Seminare für junge Verantwortliche, die in die Organisation von Kirmes und Volksfesten hineinkommen, nicht angenommen wurden. Leider hat dies mangels Anmeldungen zur Absage der geplanten Seminare geführt, die dazu dienen sollten, den neu ins Amt gekommenen Platzmeistern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und sie mit Hilfe erfahrener Platzmeister namhafter Veranstaltungen zu schulen.

Sachkompetenz der Schausteller zum Wohle der Städte nutzen!
Keiner sollte sich gut genug sein, um nicht doch noch etwas dazu zu lernen.
Wenn wir Schausteller in unserer Marketingstudie mit uns selbst sehr kritisch umgehen, um deutsche Volksfeste nach vorne zu bringen, dann erwarten wir dieses auch von den Kirmesverantwortlichen.
Es ist doch keine Schande, eine gewisse Unwissenheit zuzugeben, wenn man, bevor man in die Verantwortung für ein Volksfest gelangt ist, z. B. im Wahl- oder Grünflächenamt Dienst getan hat und auf einmal, durch eine Behördenrotation, in die Verantwortung für eine Kirmes gekommen ist. Dann aber muss man auch lernbereit sein und sich nicht nur von den Schaustellern, sondern auch von anderen Platzmeistern, die dieses schon seit Jahrzehnten machen, Rat einholen und von ihnen lernen.
Eine Argumentation wie "Ich kann doch als Vergabebehörde von den Antragstellern keinen Rat annehmen!" muss endgültig der Vergangenheit angehören.
Jedem, der sich Volksfesten in Deutschland verantwortlich fühlt, muss klar sein, dass Schausteller und Veranstalter in einem Boot sitzen und es erfolgreiche Kirmessen Volksfeste und Weihnachtsmärkte nur geben kann, wenn alle Betroffenen in die gleiche Richtung rudern, wenn es um die Platzgeldkalkulation oder die Verlagerung von Volksfesten geht.
Ich richte daher nochmals den dringenden Appell an Politik und Verwaltungsoberste: Bedienen Sie sich der Sachkompetenz der Schausteller!
Seit über 125 Jahren gibt es Schaustellerorganisationen in Deutschland.
Nach dem Aufheben des Nazi-Verbots für freie Schaustellerverbände durch alliierte Stadtkommandanten nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es nunmehr seit 60 Jahren auch den Deutschen Schaustellerbund, der sich als sachkompetenter Ansprechpartner für alle Fragen rund um die Zukunftsgestaltung von Volksfesten einen guten Namen gemacht hat. Nutzen Sie die Sachkompetenz der Schausteller  zum Wohle Ihrer Städte und zum Wohle Ihrer Veranstaltung!
In jeder Stadt Deutschlands ist die Kirmes und das Volksfest die Veranstaltung mit den größten Besucherzahlen. Man kann also von einer "Abstimmung mit den Füßen" sprechen. Rechnen Sie in diese Veranstaltung keine Fantasie-Kosten ein, die nicht unmittelbar durch die Kirmes verursacht werden. Behalten Sie die Volksfeste in der öffentlich-rechtlichen Verantwortung, denn dies ist der Garant für die Zukunft deutscher Volksfeste! Der Deutsche Schaustellerbund mit seinen über hundert regionalen Verbänden bietet ausdrücklich seine konstruktive Zusammenarbeit bei der Lösung von Problemen für die Zukunftsgestaltung von Volksfesten an.

Ihr
Albert Ritter