Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Schulpflicht ist eine Errungenschaft

„Vereinbarkeit von Schule und Ausbildung mit den Aufgaben im Familienbetrieb muss gewährleistet sein“

Oben: Schaustellerjugendliche sind viel auf Reisen. Bei Geraldine und Charmaine Kaiser, Vivien Heinen, Hans Wittler, Kevin Ahrend und Lorenzo Wentz – Absolventen des eines Weiterbildungskurses am Berufskolleg in Herford – kommt Bildung trotzdem nicht zu kurz. (Foto: Kiel-Steinkamp)

Unten: Kirmesfan Dr. Ulrich Voigt mit Gattin auf der Steglitzer Woche (Parlamentarischer Abend 2007). (Foto: DSB)

Dr. Ulrich Voigt, Beauftragter der Bezirksregierung Detmold für die schulische Aus- und Weiterbildung von Kindern beruflich Reisender über spezielle Bildungsangebote für Schaustellerjugendliche.

Dr. Ulrich Voigt hat sich die Ausbildung von Kindern beruflich Reisender auf die Fahnen geschrieben: Bei der Bezirksregierung Detmold leitet er den Bereich „Schulische Förderung bei unterbrochenen Lernwegen“ und ist zugleich Vorsitzender des Vereins „Bildungsnetz Förderung: Individuell“ (BFI). In sein Fachgebiet fällt auch die schulische Aus- und Weiterbildung von Schaustellerkindern und –jugendlichen. Da wir Schausteller viel auf Reisen sind, stehen unsere Kinder oft vor besonderen schulischen Herausforderungen – etwa durch häufige Schulwechsel und unterschiedliche Lehrpläne. Im Interview erläutert Ulrich Voigt, welche speziellen Angebote es für Schaustellerjugendliche gibt und was sie nützen.

Herr Dr. Voigt, Sie kümmern sich in Ihrem Bezirk um die schulische Bildung von rund 330 durchreisenden Kindern pro Saison. Hinzukommen ca. 120 ortsansässige Kinder. Verliert man da nicht leicht den Überblick?

Nein, wissen Sie, die meisten dieser Kinder und Jugendlichen kommen ja jedes Jahr wieder, die betreuen wir mit unseren Bereichslehrkräften über Jahre hinweg. Da entsteht schon ein richtiges Vertrauensverhältnis, man kennt die Jugendlichen und auch die Eltern. Es ist aber schon bemerkenswert, wie erfolgreich sich das ganze Projekt „Schulische Ausbildung von Kindern beruflich Reisender“ in den letzten Jahren entwickelt hat: 1995 war das Geburtsjahr der Schule für Zirkuskinder in NRW. Dort sind die Grundsteine für eine differenzierte und individuelle Förderung für Kinder und Jugendliche beruflich Reisender in Deutschland gelegt worden. Heute haben sich daraus feste Strukturen und Angebote entwickelt, die weit über den Zirkusbereich hinausgehen. Dafür nimmt beispielsweise allein das Land NRW jährlich rund 1,6 Mio. Euro in die Hand und das ist gut investiertes Geld.

 Das Projekt BeKoSch (Berufliche Kompetenzen für Schausteller) hilft Schaustellerjugendlichen dabei, nach dem Schulabschluss ihrer Berufsschulpflicht in Deutschland nachzukommen. Was genau bietet BeKoSch?

Ja genau, in Deutschland gilt in den meisten Bundesländern für alle Jugendlichen die Schulpflicht bis zum vollendeten 18. Lebensjahr. Das gilt natürlich auch für Schausteller. Das heißt, wenn sie unter 19 Jahre alt und mit der normalen Schule fertig sind und im elterlichen Betrieb auf dem Platz arbeiten, müssen sie nebenher die Berufsschule besuchen. Da Schaustellerjugendliche regelmäßig unterwegs sind, haben sie es natürlich schwerer, ihrer Berufsschulpflicht nachzukommen. Deshalb wurde – in enger Zusammenarbeit mit den Schaustellerverbänden – das BeKoSch-Projekt aus der Taufe gehoben: Am Berufskolleg der Stadt Herne können Schaustellerjugendliche in den Wintermonaten ein speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes berufsschulisches Programm absolvieren. Von Januar bis Ende Februar werden berufsspezifische Inhalte im kaufmännischen sowie gewerblich-technischen Bereich als Blockunterricht angeboten. Anschließend wird dieser Präsenzunterricht in Fernlehrgängen vertieft. Auf diese Weise kommen die Jugendlichen rechtzeitig zum Saisonbeginn wieder auf ihre Plätze und können dabei trotzdem ihrer Berufsschulpflicht nachkommen!

Was passiert, wenn die Jugendlichen ihrer Berufsschulpflicht nicht nachkommen?

Wenn sie dieser Pflicht nicht nachkommen, flattern den Eltern erst einmal Mahnbriefe ins Haus und wenn’s hart auf hart kommt, holt die Polizei die Jugendlichen persönlich an der Haustüre ab und bringt sie zur Berufsschule. Gott sei Dank, passiert so etwas aber nur noch äußerst selten. Denn Bildung hat heute einen enormen Stellenwert erlangt – bei den Eltern und beim Nachwuchs! Das zeigt sich auch an der Fachgruppe Bildung des DSB, die in den vergangenen Jahren einen enormen Aufschwung erfahren hat. Das ist eine tolle Entwicklung!

Was genau können Schaustellerjugendliche im Rahmen von BeKoSch lernen?

Es werden Inhalte vermittelt, die Grundlage für das berufliche Weiterkommen in vielen Branchen sind – ob als Schausteller, Gastwirt, Veranstaltungstechniker oder Werbekaufmann/-frau. Wichtig ist dabei der richtige Mix aus Theorie und Praxis. So werden neben Grundkenntnissen in BWL, EDV und Buchführung auch Schweiß- und Airbrush-Technik gelehrt und die Schülerinnen und Schüler können beispielsweise den Erste-Hilfe-Schein des Deutschen Roten Kreuzes erlangen. Gelernt bzw. ausgebildet wird in kleinen Gruppen von 12 bis max. 20 Personen an den Standorten Herne, Nidda und Neumünster. Das schöne dabei ist, dass beispielsweise in Herne Teilnehmende aus ganz Deutschland zusammenkommen. Da gibt es einen breiten Austausch unter den Schülerinnen und Schülern und es wird nie langweilig.

Klingt ganz nach einem Erfolgskonzept. Aber reichen Angebote wie BeKoSch wirklich aus, um alle reisenden Jugendlichen zu erreichen?

BeKoSch ist ein erfolgreiches Projekt in NRW, das ganz deutlich zeigt: Der Bedarf an Bildungsangeboten für Kinder beruflich Reisender ist enorm – und es funktioniert! Aber wir sind nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir bräuchten noch viel mehr derartiger Angebote, auch in den anderen Bundesländern. Um die Jugendlichen auch während der Reisezeit zu begleiten, bauen wir zusätzlich zu den Präsenzzeiten auf eLearning-Angebote, wie LARS (Lernen auf Reisen-Schule, siehe Kasten). Dabei lernen Schülerinnen und Schüler auf Reisen am Computer oder Laptop Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch via Internet. Dabei haben sie aber auch immer einen festen Ansprechpartner vor Ort, der hilft, nachfragt und kontrolliert. Denn online lernen geht nicht ohne Beziehung – die persönliche Betreuung ist sehr wichtig, damit die Jugendlichen motiviert bleiben.

Mit dem Projekt „Ett Edu“ (European Transfer of Travellers vocational Education) wollen Sie das Lernkonzept, das hinter BeKoSch steckt – also die Ausbildung beruflich reisender Jugendlicher mit speziellen Lernangeboten und Lernzeiten – auch in andere EU-Länder exportieren. Wie stehen die Erfolgssausichten für dieses Vorhaben?

Ja richtig, BeKoSch läuft hier in NRW so gut, dass wir dieses Lernmodell auch in unsere Nachbarländer bringen wollen. Für diese Idee hat uns die Europäische Union Anfang 2012 für zwei Jahre Fördergelder bewilligt. Nach intensiver Vorbereitung startete im Januar 2013 am Berufskolleg in Herford der erste Pilotkurs mit sechs Schaustellerjugendlichen. Auf dem Lehrplan standen kaufmännisches Rechnen, BWL und Business-Englisch. Alle sechs haben den Kurs erfolgreich bis zum Ende absolviert (Berichterstattung siehe Kasten). Im März findet ein ähnlicher Kurs in Ham (Frankreich) statt. Ein weiterer in Gloucester (England) soll bis Ende des Jahres folgen. Ziel ist es, diese drei Standorte auch nach Ende der EU-Förderung im Dezember 2013 als selbstständige Ausbildungsstätten für Schaustellerjugendliche aufrechtzuerhalten. Das Interesse der Jugendliche an den Ausbildungsangeboten ist sehr groß. Dank der sehr guten Kontakte zu den regionalen Schaustellerverbänden, die unsere Idee tatkräftig unterstützen und in die Familien tragen, fällt es uns in NRW leichter, Teilnehmer für unsere Kurse zu finden. Wir hoffen, diese gute Zusammenarbeit auch bei unseren europäischen Nachbarn etablieren zu können.

Erleben Sie bei Ihrer täglichen Arbeit Schwierigkeiten oder besondere Herausforderungen, die es zu überwinden gilt? Wie lautet Ihr Erfolgsrezept für die Ausbildung beruflich Reisender?

Dass Bildung und Ausbildung bei den Schaustellern heute eine große Rolle spielt, habe ich ja schon gesagt. Aber aufgrund der engen Familienstrukturen und der Einbindung der Kinder in den Familienbetrieb ist es, gerade in kleinen Betrieben, manchmal schwierig, Schule und familiäre Pflichten miteinander in Einklang zu bringen. Mit den speziellen Bildungsangeboten für Schaustellerkinder können wir diese Hindernisse aber sehr gut überwinden! Der Bildungsgedanke hat sich in den letzten Jahren intensiviert und je mehr Anreize wir durch Bildungsangebote schaffen, die den Verhältnissen der Schaustellerfamilien angepasst sind, umso mehr steigt deren Begeisterung, diese Angebote auch wahrzunehmen. Wie in allen anderen Branchen auch, muss die Vereinbarkeit von Schule/Ausbildung und Aufgaben im Familienbetrieb gewährleistet sein. Maßgeschneiderte Angebote, kleine Gruppen, eigens dafür freigestellte Lehrer und feste, aber der Saison angepasste Unterrichtszeiten sind die Zutaten für die erfolgreiche Ausbildung von Kindern beruflich Reisender.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Wo steht das Projekt „Ausbildung von Schaustellerjugendlichen“ in 10 Jahren? Was sollte bis dahin erreicht worden sein?

Die berufliche Bildung muss unbedingt weiter ausgebaut und in anderen Bundesländern und Nachbarstaaten etabliert werden. Ich würde mir außerdem eine Art zweigliedrige Berufsausbildung wünschen, verteilt auf zwei bis drei Jahre mit Basis- und Erweiterungsmodulen, staatlich anerkannt und erweitert um Angebote aus dem Handel, der Werbung und dem Marketing. Denn diese Fähigkeiten werden immer wichtiger in unserer global vernetzten Geschäftswelt. Die Schausteller haben das längst erkannt. So organisiert der DSB beispielsweise Workshops und Vorträge für Jugendliche zu diesen Themen. Eine grundlegende Auseinandersetzung über den Stellenwert von Schule und Bildung innerhalb der einzelnen Berufsgruppen, Verbände und Arbeitskreise würde zusätzlich helfen, eine breitere Diskussion über das Thema anzustoßen und die Wichtigkeit und Brisanz von Bildung in den Köpfen der Menschen zu verankern. Wir brauchen ein größeres Verständnis dafür, dass es gut ist zur Schule zu gehen. Bildung ist der Schlüssel, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein – das gilt für den Betreiber eines Kettenfliegers oder Mandelwagens genauso, wie für den Topmanager eines Börsenunternehmens. Bildung ermöglicht Selbstständigkeit und eigenverantwortliches Handeln – und nicht zuletzt auch die Wahlfreiheit, unabhängig vom Beruf der Eltern einem eigenen Gewerbe nachzugehen.

Herr Voigt, vielen Dank für das Gespräch.

Noch Fragen rund um Bildungsangebote für Schaustellerjugendliche? Dann fragen Sie Dr. Ulrich Voigt doch gern persönlich: Tel.: 0163 - 2608592, E-Mail: Ulrich.Voigt@brdt.nrw.de, Bezirksregierung Detmold, Bereich schulische Förderung bei unterbrochenen Lernwegen.

 

Bildung ist das Kapital der Zukunft

Bildung bedeutet Zukunft – das hat der DSB schon seit Jahren erkannt und Bildung zu einem seiner Kernthemen gemacht. In Fachgruppensitzungen, auf Delegiertentagen und Hauptvorstandssitzungen bringt der DSB das Thema Bildung regelmäßig auf die Agenda und hat dafür mit Bundesfachberater Andreas Horlbeck einen kompetenten festen Ansprechpartner. Mit Vorträgen und Workshops bieten wir unseren Jugendlichen Perspektiven! Beste Beispiele hierfür sind der Workshop für junge Existenzgründer auf dem Delegiertentag in Osnabrück oder die gemeinsame Fahrt mit dem AK Zukunft zum Marketingvortrag in den Europapark nach Rust.


Hilfreiche Internetadressen:

BeKoSch – Berufliche Kompetenzen für Schausteller: Bitte klicken Sie hier.

Ett Edu – European Transfer of Travellers vocational Education: Bitte klicken Sie hier.    

Schule unterwegs: Bitte klicken Sie hier

LARS – Lernen auf Reisen-Schule: Bitte klicken Sie hier.

 

Berichte zum Thema Ausbildung für Schaustellerjugendliche finden Sie hier:

WDR Lokalzeit Ruhr: Schausteller gehen im Winter zur Schule: Bitte klicken Sie hier.

Westfalen-Blatt, 31.01.2013: Fit für den Familienbetrieb: Bitte klicken Sie hier.

Neue Westfälische, 19. 01. 2013: Fit für den Rummel: Bitte klicken Sie hier.