Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Schulbildung für Schaustellerkinder!

Als Bereichslehrkraft unterrichtet Marion Trübiger nicht nur in der Schule, sondern besucht die Schaustellerkinder auch auf dem Volksfest.

Marion Trübiger beim Unterricht mit Kindern beruflich Reisender (Quelle: WA.de).

Marion Trübiger weiß, wie sich das Leben auf Reisen anfühlt. Welche außergewöhnlichen Reize es bietet, aber auch welche Herausforderungen es stellt: Die heute 47-jährige Lehrerin und Schulleiterin einer Grundschule in Werne hat lange Zeit als Reiseleiterin gearbeitet, war heute hier, morgen dort. Sie kann sich deswegen gut in das Schaustellerleben hineinversetzen und unterstützt nun schon seit elf Jahren im Regierungsbezirk Arnsberg in Nordrhein-Westfalen als Bereichslehrkraft reisende Kinder und Jugendliche. Schaustellerkinder werden in der Schule besonders gefordert: Häufiger Schulwechsel, unbekannter Lernstoff, neue Lehrkräfte und Klassenkameraden. Bereichslehrkräfte bilden im schulischen Werdegang der Schaustellerkinder neben den Eltern oft die einzige eine feste Konstante. Wie wichtig eine gute schulische Betreuung für die Schaustellerkinder ist, welche Aufgaben Bereichslehrkräfte konkret erfüllen und wie Eltern Kontakt zu den Bereichslehrkräften herstellen können, darüber hat der DSB mit Marion Trübiger gesprochen.

Frau Trübiger, als Bereichslehrkraft sind Sie für den „Bereich“ Kreis Unna zuständig. Wie genau sehen dort Ihre Aufgaben aus?

Ich habe zwei Aufgaben: Zum einen betreue ich die Schüler, die ihren festen Wohnsitz im Kreis Unna haben. Wenn sie zuhause sind, dann unterrichte ich sie oder führe Gespräche mit den Eltern. Ich berate außerdem die Lehrkräfte in den Schulen, in die diese Kinder reisen. Weil die oft nicht wissen, wie sie mit dem Kind umgehen müssen, das plötzlich in die Klasse kommt und dann nach einer Woche schon wieder weg ist. Und die andere Aufgabe ist es, in der Saison, wenn die verschiedenen Veranstaltungen im Kreis Unna stattfinden, mit den dort hingereisten Schaustellerkindern zu arbeiten. Ich fahre direkt auf die Plätze und berate die Eltern oder ich gehe in die Schulen und helfe den Kindern bei ihren Aufgaben. Die bekommen von ihrer Heimatschule Lernpakete mit und müssen sich alleine darum kümmern. Die Lehrkraft, die meist 25 bis 30 Kinder in der Klasse unterrichten muss, hat meist nicht die Zeit, immer extra nach dem einen Kind zu gucken. Ich helfe den Lehrkräften dort auch bei der Führung des Schultagebuches. In das wird eingetragen, was das Kind alles gelernt hat und was es in den folgenden Wochen erledigen muss. Manchmal gehe ich noch nachmittags auf den Platz und sitze mal im Wohnwagen und unterstütze da die Kinder. Ich bringe auch mal den kleineren Geschwistern was zum Basteln mit, weil die das auch immer ganz toll finden wenn eine Lehrerin da ist.

Bereichslehrkräfte versuchen also die Lücke zwischen Heimatschule und der Stützpunktschule, also der Schule, die die Kinder besuchen, wenn sie auf Reisen sind, zu schließen?

Richtig, das ist unser Ziel. Wir kümmern uns um eine möglichst lückenlose Bildung der Schaustellerkinder. Die Kinder reisen zwar, aber die Information über das Kind, alles was wichtig ist und was sie lernen wollen oder müssen, das wird lückenlos an die nächste Lehrkraft weitergegeben, damit die nächste Lehrkraft daran anknüpfen kann und sagen kann „an dieser Stelle mache ich weiter“. Und wenn das Kind weiter fährt, dann ist das nicht schlimm, weil der nächste Lehrer oder die nächste Lehrerin auch wieder weiß, wo sie oder er weitermachen kann. Es sollen keine Brüche entstehen. Dazu tragen auch die eingeführten Schultagebücher bei, die den Lernstand der Kinder dokumentieren.

Wovon hängt der Erfolg Ihres Engagements als Bereichslehrkraft ab?

Unsere Arbeit ist abhängig von den Schulen, wie gut die mit uns kooperieren und ob die sich mit uns Bereichslehrkräften einlassen wollen. Dann sind wir abhängig von den Schülern selbst. Es gibt Kinder, die haben überhaupt kein Problem damit, mit ihrem Lernpaket durch die Gegend zu reisen und dann auch mal etwas anderes zu machen, als das, was die anderen Schüler in der Klasse lernen und zu sagen, das ist das, was in meiner Stammschule (Anmerkung der Redaktion: der Schule in der der Hauptwohnsitz liegt) gerade gelernt wird und das lerne ich jetzt hier und mache es auch selbstständig. Denn es ist leicht zu sagen, „ach nö, ich bin ja nur drei Tage hier und es interessiert ja sowieso keinen und da lerne ich jetzt einfach nichts.“ Das ist schon sehr von den Schülern selbst abhängig. Aber auch von den Eltern. Ist es ihnen wichtig, dass die Schulbildung lückenlos funktioniert? Oder sagen die, ohne Schulabschluss ist man auch nicht blöd. Meine Erfahrungen in den elf Jahren zeigen, dass viele Eltern uns vertrauen und uns sagen, das macht Sinn, das ist gut für unsere Kinder, wir merken, dass es unserem Kind besser geht.

Womit helfen Sie den Schaustellerkindern besonders?

Wir als Bereichslehrkräfte sind immer die gleichen Gesichter, uns kennen sie, wir sind Bezugspersonen für die Schaustellerkinder. Denn die müssen sich immer wieder auf neue Menschen einlassen. Sie müssen sich ständig fragen, was kommt als nächstes, wen treffe ich in der nächsten Stadt. Sie müssen jedes Mal aufs Neue um Beachtung und Anerkennung kämpfen. Zu uns Bereichslehrkräften bauen die Kinder großes Vertrauen auf, weil sie wissen, wir kümmern uns um sie, uns sind sie wichtig. Das zeichnet uns Bereichslehrkräfte aus. Wir haben uns den Job ja auch ausgesucht, wir wollten das ja auch. Uns sind die Kinder unheimlich wichtig, wir wollen uns um sie kümmern. Und die merken das. Wenn da jemand ist, der sie mag und sie versteht, und will dass es ihnen gut geht, dann identifizieren sich die Kinder auch mit uns. Ich habe schon oft mitbekommen, dass die Kinder sich untereinander unterhalten und zum Beispiel sagen, „meine Bereichslehrkraft ist die Frau Trübiger. Wer ist denn deine?“. Oder wenn ich in die Schulen hinaus fahre und in die Klasse komme, dann springt das Kind auf, „Hallo Frau Trübiger!“, packt seine Sachen und weiß schon, dass es mit mir Einzelunterricht machen wird und freut sich darauf – auch wenn ich das Kind vielleicht nur einmal jährlich treffe.

Wie kann das Modell der Bereichslehrkräfte noch verbessert werden?

Wir müssen dafür sorgen, dass Bereichslehrkräfte flächendeckend vorhanden sind. In Deutschland gibt es immer noch weiße Flecken, in denen es keine Bereichslehrkräfte gibt. Außerdem wäre es ein enormer Fortschritt die Schultagebücher, die zwar schon sehr gut funktionieren, online zu verwalten. Die Bezirksregierung Arnsberg erprobt das gerade. Dieses Bereichslehrkraft-Informationssystem ist eine Online-Plattform, die dann für alle Lehrerinnen und Lehrer zugänglich wäre. Da können sie übersichtlich ablesen, auf welchem Wissensstand das Kind ist.

Wie werden Sie auf die Schaustellerkinder aufmerksam? Wie können Eltern mit der entsprechenden Bereichslehrkraft Kontakt aufnehmen?

Ich gehe meist selbst auf die Eltern und Kinder zu. Erstens bin ich oft auf Kirmesveranstaltungen unterwegs und frage da herum, ob es Kinder gibt, die schulische Unterstützung brauchen. Oder die Kinder, die mich kennen, kommen zu mir und weisen mich auf ein Kind hin, dass ich noch nicht kenne. Dann verteilen wir Flyer und Visitenkarten mit den Kontaktadressen der Bereichslehrkräfte. Früher, als ich noch nicht viele Leute kannte, habe ich bei den Ordnungsämtern angefragt, weil die die Schaustellerfamilien oft gut kennen und wissen, wo es Kinder gibt. Und ich rufe in Schule an, wenn ich weiß dort gibt es eine Kirmes. Dann biete ich meine Unterstützung an. Wenn die Eltern auf uns zukommen wollen, dann stehen wir ihnen telefonisch und per Email jederzeit zur Verfügung.

Frau Trübiger, vielen Dank für das Gespräch!

Ansprechpartner und weitere Informationen zum Thema Bereichslehrkräfte für das Bundesland Nordrhein-Westfalen finden Sie unter www.schulministerium.nrw.de/BP/Schulsystem/Schulformen/Reisende. Hier können Sie auch direkt mit den Bereichslehrkräften Kontakt aufnehmen. Marion Trübiger, die für den Kreis Unna zuständig ist, erreichen Sie unter Tel.: 02389-403906 oder auch per Email: marion.truebiger@bereichslehrer.de.

DSB – Bildung macht stark!

Bildung bedeutet Zukunft – das hat der DSB schon seit Jahren erkannt und Bildung zu einem seiner Kernthemen gemacht. In Fachgruppensitzungen, auf Delegiertentagen und Hauptvorstandssitzungen bringt der DSB das Thema Bildung regelmäßig auf die Agenda und hat dafür mit Bundesfachberater Andreas Horlbeck einen kompetenten festen Ansprechpartner. Mit Vorträgen und Workshops bieten wir unseren Jugendlichen Perspektiven! Beste Beispiele hierfür sind der Workshop für junge Existenzgründer auf dem Delegiertentag in Osnabrück oder die gemeinsame Fahrt mit dem AK Zukunft zum Marketingvortrag in den Europapark nach Rust.