Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Schaustellerei kommt von ‘zur Schau stellen’“

Interview mit Michael Hempen, DSB-Vizepräsident für Marketing

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

Der DSB – die Berufsspitzenorganisation des Schaustellergewerbes – vertritt die Interessen von rund 4000 Schaustellerinnen und Schaustellern in Deutschland. Das bedeutet eine Menge Arbeit, aber vor allem viele spannende Aufgaben! Zur Bewältigung dieser Aufgaben stehen dem DSB neben seinem Präsidenten, Albert Ritter, vier Vizepräsidenten für die Bereiche Berufsfragen (Klaus Wilhelm), Organisationsfragen (Lorenz Kalb), Marketing (Michael Hempen) sowie Finanzen (Edmund Radlinger) vor. Sie alle arbeiten ehrenamtlich: Sie treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Sitzungen, beraten Schaustellerfachfragen, nehmen an Veranstaltungen teil, stehen in engem Kontakt zur Politik und natürlich auch zur Hauptgeschäftsstelle in Berlin. Soviel starke Verbandsarbeit geht nur mit einer starken Familie im Rücken, die dafür sorgt, dass die Geschäfte auch laufen, wenn der Betreiber einmal nicht persönlich vor Ort sein kann. In dieser und den kommenden Komet-Ausgaben stellen wir Ihnen jeweils eines unserer Präsidiumsmitglieder persönlich vor.

Der Niedersachse Michael Hempen (53), Vorsitzender des Oldenburger Schaustellerverbandes, ist seit 2005 Vizepräsident für Marketing des DSB. Er stammt aus einer mehrere Generationen umfassenden Schaustellerfamilie, die mit vielen verschiedenen Geschäften regional und überregional unterwegs war und ist. Aktuell betreibt Michael mit seinem Sohn Robert das moderne Laufgeschäft „Big Bamboo“ – eine Südsee-Insel-Erlebniswelt mit verschiedenen Live-Darbietungen. Oft verlässt Michael Hempen sein Geschäft, legt die Hawaii-Kette ab und engagiert sich mit voller Kraft für den DSB. Und das schon seit acht Jahren.

1. Herr Hempen, warum haben Sie sich 2005 für das Amt beworben?

Ich war zuvor bereits Mitglied im DSB-Ausschuss für Gewerberecht- und Marketing und habe mich dann für das frei gewordene Amt zur Verfügung gestellt. Eigentlich war das Thema Gewerbeordnung immer ein Steckenpferd von mir. In den Bereich Marketing musste ich mich erst einlesen. Ich habe gute Marketingbeispiele für erfolgreiche Volksfeste in ganz Deutschland und zum Teil auch weltweit gesucht und einen Leitfaden mit Handlungsempfehlungen daraus erstellt. Zentrale Frage dabei: Wie können wir uns als Schausteller und als Schaustellerbund besser darstellen und vermarkten – und wie machen wir positiv auf uns aufmerksam? Denn wenn wir uns unsere Marketing-Aktionen auf den Volksfesten einmal kritisch betrachten, merken wir: Es gibt durchaus noch Verbesserungsbedarf! Wir müssen uns das Ziel stecken, das „Nonplusultra“ in der Freizeitbranche zu bleiben! Und dazu gehört auch ein einheitliches und überzeugendes Marketingkonzept. Mit diesem Anspruch bin ich Vizepräsident geworden.

2. Der Aufgabenbereich „Marketing“ ist sehr breit gefächert. Welche konkreten Ziele haben Sie sich für Ihre Arbeit gesteckt?

Ich wünsche mir, dass wir uns im Kampf ums Publikum im Freizeitbereich besser positionieren. Ich wünsche mir, dass wir den zukünftigen Herausforderungen geschlossen entgegentreten. Leider müssen wir momentan massiv gegen das Wegsterben der Volksfeste ankämpfen. Das ist eine schwierige und zeitraubende Herausforderung. Aber wir dürfen eines nicht vergessen: Mit einem bespielbaren Platz allein ist es heute nicht mehr getan! Wir müssen auf diesem Platz gemeinsam Akzente setzen! Dazu müssen wir Schausteller uns drei Fragen stellen: 1. Warum soll das Publikum kommen? 2. Wie können wir das Publikum zufrieden stellen? Und 3. Warum bin ich Schausteller? Für mich ist ganz klar: Schausteller – das kommt von „zur Schau stellen“. Wenn ich also in meinem Imbiss heiße Bratwurst verkaufe, trage ich eine weiße Schürze und die dazu passende Kochmütze! Im Süßwarenverkauf, zum Beispiel im Mandelwagen ziehe ich mir eine Konditorjacke an. Außerdem spreche ich als Schausteller die Besucher aktiv an, lade sie zum Kauf oder Mitmachen ein. Ein gutes Beispiel hierfür ist die bewährte Kunst des Rekommandierens. Schließlich wollen wir den Leuten eine Illusion verkaufen und das steigert ganz nebenbei auch unseren Umsatz! Wir Schausteller müssen die ganze Bandbreite unserer Marketingmaßnahmen ausschöpfen und unserem Publikum sichtbar etwas Einzigartiges bieten, um es noch mehr an uns zu binden. Das setzt zum einen selbstverständlich die ständige Weiterbildung der Schaustellerinnen und Schausteller und die Zertifizierung unserer Betriebe voraus. Zum anderen müssen wir verstärkt auf den Unterhaltungswert achten, den wir auf unseren Volksfesten liefern: Der Wegfall von Unterhaltungsshows, von Schaubuden und jetzt sogar vermehrt von Verlosungen macht unsere Volksfeste eintönig, denn die Besucher, egal ob Groß oder Klein, haben vor allem dann Spaß, wenn sie von uns Schaustellern zum Mitmachen motiviert und aktiv in die Attraktionen eingebunden werden! Ein Volksfest darf nicht statisch werden! Deswegen auch der Appell an die Schaustellerinnen und Schausteller: Jeder – vom Luftballonverkäufer bis hin zum Achterbahn-Besitzer – hat das Potenzial, das Publikum großartig zu unterhalten! Wichtig ist, dass wir unseren Gästen ein vielfältiges, in sich stimmiges Gesamtpaket liefern. Und das heißt in der Praxis: Wir müssen ein bisschen mehr Illusion und schöne Welt verkaufen.

3. Gibt es ein Thema, das Ihnen momentan besonders unter den Nägeln brennt?

Für mich steht ganz oben auf der Liste, das Wissen der Jugend über Marketingstrategien mehr zu fördern. Wir müssen als DSB noch mehr Hilfestellung geben, wenn es darum geht, Wissen über Marketing zu vermitteln und bestehende Ansätze auszubauen und zu verbessern. Es geht darum, die Schaustellerinnen und Schausteller – aber auch die Veranstalter! – auf das Thema Marketing aufmerksam zu machen und zu sagen, macht euch auch mal zu diesem Thema Gedanken! Es ist wichtig, mehr auf die verantwortlichen Behörden zuzugehen und die Marktmeister in den Städten und Gemeinden mit unseren Erfahrungen zu unterstützen. Da sind dann auch die einzelnen Regionalverbände gefragt, einen Schritt auf die Behörden zuzugehen und eine Zusammenarbeit anzubieten. Denn wir Schausteller sind nun mal die Spezialisten, wenn es um Volksfeste und Weihnachtsmärkte geht.

4. Seit Gründung des DSB konnten schon viele bedeutende Verbesserungen für die Schaustellerbranche erzielt werden. Welche Veränderungen würden Sie als Meilenstein bezeichnen?

Das wir es generell geschafft haben, Probleme zielgerichtet zu bearbeiten und auf Delegiertentagen demokratisch zu diskutieren. Ein Meilenstein ist es außerdem, dass wir uns professionelle Öffentlichkeitsarbeit leisten können. Denn wir müssen unsere Branche präsentieren und zeigen: Das sind wir und da drückt der Schuh. Natürlich werden wir es nicht schaffen, sämtliche Probleme aus dem Weg zu räumen. Aber wir haben schon viel erreicht – nur, die vielen Hürden, die wir schon erfolgreich genommen haben, vergisst man oft schnell wieder. Eines steht aber fest: In der heutigen Zeit, in der die Welt sich schneller dreht, kämpfen wir tagtäglich um die besten Lösungen zum Wohle der Volksfeste.

5. Wie sehen Sie die Zukunft des Schaustellergewerbes?

Ich bin Realist. Wenn wir alle an einem Strang ziehen und jeder dazu bereit ist, seinen Teil dazuzugeben – sich weiterzubilden und sein Marketingkonzept vielleicht einmal zu überdenken – dann haben wir wirklich eine gute Chance, unsere Arbeitsplätze zu erhalten und weiterhin Freude an unserer Arbeit zu haben. Weiterhin gilt: Wir müssen gemeinsam demokratisch abgestimmte Beschlüsse in die Realität umsetzen. Es wäre schön, wenn das, über das wir abstimmen, auch von der gesamten Schaustellerwelt mitgetragen würde. Wir müssen offener mit neuen Ideen umgehen und nicht von Vornherein Dinge schlechtreden, nur, weil sie anders sind. Alle Schausteller müssen gemeinsam an einem Strang ziehen – schließlich sind wir über 5000 in Deutschland!  Ein ernstes Thema, das an dieser Stelle unbedingt angesprochen werden muss, ist die derzeit grassierende Klagewut einiger Schausteller. Hier ist meine eindeutige Position: Diese Praxis schadet unserem gesamten Berufstand. Denn hinter jeder verklagten Stadt stehen immer auch Kollegen, die dann nicht nur um ihre Plätze, sondern um ihre gesamte Reiseroute und ihr Auskommen bangen müssen. Sich mit einer neuen Idee oder einer kreativen Attraktion für ein Fest zu bewerben fördert unsere Feste! Aber einfach immer nur auf neuer, höher und schneller zu setzen und damit Kolleginnen und Kollegen im wahrsten Sinne des Wortes „vom Platz zu klagen“ ist rücksichtslos und unkollegial und schadet unseren Volksfesten. Dabei dürfen wir die Lösung unserer Probleme nicht allein auf das Präsidium und die Hauptgeschäftsstelle schieben, sondern müssen selbst daran arbeiten. An dieser Stelle mein aufrichtiges Dankeschön an alle, die über den Tellerrand ihres eigenen Geschäfts hinausblicken, sich in ihrem Verband engagieren und Kolleginnen und Kollegen helfen. Denn manchmal hinterfragen wir unsere Arbeit zu wenig. Als Schausteller muss man sich immer wieder fragen: Was habe ich (über meine bloße Beschickung eines bestimmten Volksfests hinaus) noch zum Erfolg dieser Veranstaltung beigetragen? Ich weiß, die Zeiten sind für uns nicht rosig – aber wenn wir den Kopf in den Sand stecken, dann gewinnen wir gar nichts! Viele unserer Probleme sind hausgemacht – und gemeinsam können wir sie lösen!

6. Trotz aller Herausforderungen: Was ist das Schöne am Schaustellerberuf?

Die Mehrheit der Schausteller hat sich einen gewissen Zweckoptimismus erhalten. Wenn es z.B. regnet und keine Besucher auf dem Platz sind, dann stehen wir auch einmal in freundschaftlicher Runde zusammen und lachen, obwohl uns wortwörtlich das Wasser bis zum Halse steht. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl und, dass die Schausteller einander unter die Arme greifen wenn’s brennt, prägt unser Gewerbe. „Einigkeit macht stark“ ist unter uns Schaustellern nicht nur eine Plattitüde: Wenn’s drauf ankommt stehen wir beisammen. Ich persönlich finde, das ist ein feiner Charakterzug.