Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Schausteller sind Bewohner einer Zauberstadt“

- Interview mit dem Unterhaltungswissenschaftler Dr. Sacha Szabo -

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

Dr. Sacha Szabo promovierte an der Universität Freiburg über Volksfeste und Freizeitparks. Er gilt als ein führender Festforscher, Freizeitpark- und Achterbahn-Experte. Mit Sarah Schaefer, studentische Mitarbeiterin in der DSB-Hauptgeschäftsstelle, sprach er über die Bedeutung von Volksfesten, die Rolle der Schausteller und erklärte, warum Volksfeste ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens sind.

Sehr geehrter Herr Dr. Szabo, Sie haben bereits mehrere Bücher zum Thema Volksfest veröffentlicht. Was fasziniert Sie an Volksfesten?

Was mich an den unterschiedlichsten Festen fasziniert, ist, dass diese in Kontrast zum Alltag stehen. Der Alltag ist häufig durch Mühen und Sorgen gekennzeichnet. Dies hängt damit zusammen, dass der Mensch eines der wenigen Wesen ist – vielleicht sogar das einzige –, das in der Lage ist, sein Leben zu überdenken. Das macht natürlich einerseits Angst davor, was kommen kann, andererseits kann man auch ein schlechtes Gewissen bekommen, weil man früher mal etwas verkehrt gemacht hat. Dies alles hat damit zu tun, dass der Mensch ein Bewusstsein von sich selbst hat. Nun gibt es in der Kultur Institutionen, die den Menschen in eine Erlebnisgegenwart versetzen, in der all dieser Kummer vergessen wird. Die Institutionen, die das leisten, sind die Volksfeste. Sie entstehen, wenn das menschliche Urerlebnis des Sich-Selbst-Vergessens wieder in den Alltag integriert wird. Feste sind insofern Orte, an denen sich Kultur kristallisiert. Man kann durchaus die These aufstellen: Die menschliche Kultur begann mit einem Fest.

Der Deutsche Schaustellerbund hat sich bei der UNESCO um die Anerkennung der deutschen Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe beworben. Warum verdienen Volksfeste Ihrer Meinung nach diese Anerkennung?

Wenn man einige Merkmale des Schaustellermilieus beschreibt, dann erkennt man, wie sehr sich diese Existenzform von vielen modernen Ausprägungen unterscheidet. Sie sind im Zeitalter der Spezialisten noch Generalisten. Sie sind im Zeitalter der Singlefamilie noch Familienverbände. Viele Lebenspraktiken haben sich aus der Vormoderne erhalten und bilden jetzt einen quicklebendigen und exklusiven Anachronismus. Ein Fachbegriff dafür könnte Prä-Fordismus sein, also eine Wirtschaftsweise, die noch vor der Industrialisierung entstanden ist. Das ist für mich als Soziologe etwas Einzigartiges. Aber die Tätigkeit der Schausteller umfasst mehr als nur die Besonderheit, wie sie ihren Geschäften nachgehen. Es ist das Was, das sie herstellen. Sie stellen nämlich ein Produkt her, das im wahrsten Sinne des Wortes immateriell ist. Es ist ein Gut des Augenblicks, nämlich Vergnügen!

Warum bereiten Volksfeste den Menschen Vergnügen?

Der Mensch als Wesen, das mit einem Bewusstsein ausgestattet ist, trägt die Bürde zu wissen, dass er verletzlich und endlich ist. Er kann krank werden und sterben. Dies macht ihm Sorgen. Hinzu kommen all die alltäglichen Sorgen. Geld, Familie, Beruf. Die menschliche Kultur stellt nun Orte bereit, wo all diese Sorgen für einen Moment in einer Erlebnisgegenwart vergessen werden können. Das sind die Feste und Feiern. Es gibt keine Kultur in der es keine Feste gibt. Es scheint so zu sein, dass der Mensch Feste braucht. Aber jede Kultur hat andere Feste. In Mitteleuropa und besonders in Deutschland haben sich Kirmessen, Jahrmärkte und Volksfeste etabliert. Das Besondere dabei ist, dass auf diesen Festen die Menschen in ganz unterschiedlicher Weise aus dem Alltag entführt werden. Es kann ein dynamisches Fahrgeschäft sein, eine aufregend Achterbahn, das ruhige, entschleunigende Riesenrad oder auch ein Stand mit Zuckerwatte, bei dem einen der Duft von gebranntem Zucker betört. Alle diese Angebote haben aber eines gemein: Sie entführen den Besucher in ein außeralltägliches Paradies, in dem all die Sorgen für einen kurzen Moment vergessen sind.

Welche Rolle spielen die Schausteller für die Volksfeste in Deutschland?

Das Schaustellerdasein hat ja zwei Facetten die stark voneinander abgegrenzt sind. Einmal die profane Seite, also die, wie ein Schausteller sich selbst sieht, mit all den für ihn alltäglichen Tätigkeiten, wie Instandhaltung, Betrieb, Bewerbung, Buchhaltung, Personalführung. Aber es gibt auch eine verklärte Seite, nämlich die, wie ein Schausteller gesehen wird. Der Jahrmarkt oder der Festplatz ist etwas Außeralltägliches im Leben einer Gemeinde. An wenigen Tagen im Jahr entsteht auf der grünen Wiese ein Ort, an dem eine ganz andere Ordnung herrscht. Es ist bunter, lauter, riecht ganz anders und man kann dort Geschäfte sehen, die man sonst nie sieht. Es ist ein Spektakel. Eine Zauberstadt. Die Besucher sind, wie die Bezeichnung schon andeutet, nur Besucher. Aber die Bewohner dieser Stadt sind die Schausteller. Von dieser Stadt geht nun auch ein außeralltäglicher Zauber aus. Man kann in dieser Stadt nämlich für einen kurzen Moment den Alltag vollkommen hinter sich lassen und vergessen. Dieser Zauber geht nun auch auf die Schausteller über. Es ist ein Beruf, der von außen allzu gern verklärt wird, weil er der Tätigkeit nachgeht, die Menschen zu becircen. Egal, welches Geschäft man nun auf einem Festplatz nimmt, jedes entführt den Besucher auf seine jeweils eigene Weise in ein Jenseits des Alltags und die Schausteller sind die Kaste, die diese Pforte in diese außeralltägliche Welt offen hält.

Könnten Sie sich ein Leben als Schausteller vorstellen?

Mich faszinieren die Schausteller und ich will nur zu gerne diese Faszination behalten. Allerdings hoffe ich, dass es mir einmal mit meinen Arbeiten gelingen wird, Schaustellern einen Ort zu geben wo diese sich von Ihren Alltagsorgen entlasten und sich einfach mal, wie bei einem guten Film, verzaubern lassen können.

Was verbinden Sie persönlich mit Volksfesten?

Volksfeste sind eine Auszeit vom Alltag. Auch wenn ich schon so viel über Feste gearbeitet habe, schaffen sie es immer wieder mich zu begeistern. Ich stehe dann auf einem Festplatz und freue mich über eine Facette, die ich neu entdeckt habe. Häufig werde ich gefragt, ob ich überhaupt noch Freude an Jahrmärkten habe, wenn ich so viel darüber nachgedacht habe. Dann antworte ich immer, dass die Wissenschaft ein Genussverstärker ist. Je mehr man über etwas weiß, desto mehr kann man es genießen. Das gilt für guten Wein und gutes Essen, das gilt für Literatur und Kunst, und das gilt gleichermaßen für Volksfeste.

Herr Szabo, vielen Dank für das Interview!