Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Nur wer sich heute bewegt, kann auch für die Zukunft etwas bewegen“

Interview mit Klaus Wilhelm, DSB-Vizepräsident für Berufsfragen

Klaus Wilhelm, DSB-Vizepräsident für Berufsfragen (seit 2003). Foto: DSB

Der DSB – die Berufsspitzenorganisation des Schaustellergewerbes – vertritt die Interessen von rund 4000 Schaustellerinnen und Schaustellern in Deutschland. Das bedeutet eine Menge Arbeit, aber vor allem viele spannende Aufgaben! Zur Bewältigung dieser Aufgaben stehen dem DSB neben seinem Präsidenten, Albert Ritter, vier Vizepräsidenten für die Bereiche Berufsfragen (Klaus Wilhelm), Organisationsfragen (Lorenz Kalb), Marketing (Michael Hempen) sowie Finanzen (Edmund Radlinger) vor. Sie alle arbeiten ehrenamtlich: Sie treffen sich regelmäßig zu gemeinsamen Sitzungen, beraten Schaustellerfachfragen, nehmen an Veranstaltungen teil, stehen in engem Kontakt zur Politik und natürlich auch zur Hauptgeschäftsstelle in Berlin. Soviel starke Verbandsarbeit geht nur mit einer starken Familie im Rücken, die dafür sorgt, dass die Geschäfte auch laufen, wenn der Betreiber einmal nicht persönlich vor Ort sein kann. In dieser und den kommenden Komet-Ausgaben stellen wir Ihnen jeweils eines unserer Präsidiumsmitglieder persönlich vor.

Der waschechte Hannoveraner Klaus Wilhelm (64), DSB-Vizepräsident für Berufsfragen und 1. Vorsitzender des Niedersächsischen Schaustellerverbandes, führt in vierter Generation das Schaustellerunternehmen „Wilhelm und Söhne“, das es bereits seit 1937 gibt. Damals kaufte sich sein Vater ein Riesenrad. Aber schon seit 1871 ist die Familie Wilhelm mit verschiedenen schaustellerischen Darbietungen auf Märkten und Volksfesten unterwegs. Auch Klaus Wilhelm ist mit seinem Fahrgeschäft auf keinem Volksfest zu übersehen – denn wie sein Vater betreibt er ein Riesenrad. Bereits mit 21 engagiert er sich im Vorstand des Niedersächsischen Schaustellerverbandes, war dort unter anderem Fachberater für Fahrgeschäfte und ist seit über 40 Jahren Mitglied im DSB.

Frage: Warum haben Sie sich 2003 für das Amt des Vizepräsidenten beworben?
Klaus Wilhelm: Schon mein Vater war ein Verbandsmensch und hat sich für unser Gewerbe eingesetzt: Nach dem 2. Weltkrieg musste viel Aufbauarbeit geleistet werden – die Schaustellerverbände waren von den Nazis gleichgeschaltet worden, und auch viele Veranstaltungen sind dem Regime zum Opfer gefallen – all das musste wieder in Gang gebracht, die Verbände wieder eigenständig strukturiert und die Volksfeste wieder mit Leben gefüllt werden. Die Verbandsarbeit zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch unsere Familie. Ich nehme mein Amt sehr ernst – nicht, dass ich es besser kann als andere – aber wer wie wir in so einem speziellen Beruf arbeitet, ständig unterwegs ist und sich auf jedem Platz und in jeder Spielzeit immer wieder neu beweisen muss, der braucht einen starken Berufsverband, der sich für seine Anliegen stark macht. Und so, wie man sich in der Familie und auf dem Platz hilft, so hilft man sich auch im Verband. So war es klar, dass ich dort eine Aufgabe übernehme, wenn ich gebraucht werde.

Frage: Der Aufgabenbereich „Berufsfragen“ ist sehr breit gefächert. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich konkret?
Klaus Wilhelm: Wie vielfältig der Beruf des Schaustellers ist, kann man auf jedem Platz sehen: Es gibt Gastronomie, Verkaufsgeschäfte, Schau und Belustigung, mit den Fahrgeschäften technisch höchst anspruchsvolle Anlagen und vieles mehr. Doch die Probleme bestehen ja nicht nur auf dem Platz. Wir alle wissen, dass der Transport unserer Geschäfte von A nach B auch nicht immer reibungslos verläuft.

Die Umweltzonen in einigen Bundesländern sind für uns ein Feld, das wir ständig beackern. Die Reaktionen z.B. aus Baden-Württemberg zeigen uns, dass wir hier erfolgreich sind. Außerdem arbeitet der DSB weiterhin daran, dass uns die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) weiter mit Beitragssenkungen für unsere Branche entgegenkommt. Diese und viele Themen mehr, wie z.B. die Verbesserung der Zusammenarbeit mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) in Bonn, erfordern harte und geduldige Verbandsarbeit.

Frage: Gibt es ein Thema welches Ihnen momentan besonders unter den Nägeln brennt?
Klaus Wilhelm: Das für uns drängendste Thema ist im Moment zweifellos die neue DIN EN 13814, nach der unsere Fahr-, Schau- und Belustigungsgeschäfte zukünftig beurteilt werden. Hier stehen wir in ständigem Kontakt zur Politik auf Landes-, Bundes- und nun auch europäischer Ebene. Parallel dazu müssen wir aber auch alles tun, um unsere Kollegen gut durch diese Übergangszeit zu bringen, denn die Norm ist ja bauaufsichtlich bereits eingeführt worden. Hier gibt es unter den Kollegen eine große Verunsicherung, die wir nur beseitigen können, wenn Fakten geschaffen werden.  Deshalb tauschen wir uns mit den TÜVs aus, holen Informationen auch auf europäischer Ebene ein und arbeiten eng mit dem Arbeitskreis Fliegende Bauten zusammen. Wir stehen in ständigen Gesprächen mit den Erstprüfstellen und raten jedem Kollegen, umgehend mit seiner Genehmigungsstelle und mit seiner Erstprüfstelle Kontakt aufzunehmen und in Erfahrung zu bringen, was die DIN EN 13814 für sein Geschäft konkret bedeutet. Die Hauptgeschäftsstelle hat hierfür Antragsformulare vorbereit, die online im Mitgliederbereich heruntergeladen oder telefonisch in der Hauptgeschäftsstelle angefordert werden können. Die Hauptgeschäftsstelle führt außerdem Listen, in die sich Betreiber gleichartiger Anlagen eintragen lassen können. Sie ermöglichen es den betroffenen Schaustellern miteinander in Kontakt zu treten (also einen gemeinsamen Pool zu bilden) und sich so beim TÜV günstigere Kombinationsangebote für die Statikvermessung erstellen zu lassen.

Frage: Seit Gründung des DSB konnten schon viele bedeutende Verbesserungen für die Schaustellerbranche erzielt werden. Welche Veränderungen würden Sie als Meilenstein in Ihrem Betätigungsfeld bezeichnen?
Klaus Wilhelm: Ganz klar ist hier zunächst die Maut-Befreiung für unsere Lkw zu nennen. Jeder Kollege, der einen größeren Aktionsradius hat, kann sich leicht ausrechnen, dass ihm dieser Erfolg der DSB-Verbandsarbeit pro Jahr hunderte, manchmal tausende von Euro spart. Aber auch die von uns erreichte Steuerbefreiung für Zugmaschinen und Schausteller-Anhänger sowie der Rahmenvertrag mit der GEMA sind Erfolge, die sich für jeden Kollegen immer wieder auszahlen. All das sind keine Selbstverständlichkeiten, sondern die Früchte hartnäckiger Verbandsarbeit: Gerade in den heutigen Zeiten klammer kommunaler Kassen arbeitet der DSB hart daran, diese Errungenschaften auch für die Zukunft zu erhalten. An den genannten Beispielen sieht man sehr deutlich: Die Mitgliedschaft im DSB ist nicht nur sinnvoll, sie rechnet sich auch noch!

Das Wesentliche ist aber auch, dass die ständige und hartnäckige Verbandsarbeit dazu führt, dass wir Schausteller als Wirtschaftsbranche von der Politik wahrgenommen werden. Das öffnet uns Türen, die dem einzelnen verschlossen blieben.

Frage: Was ist das Schöne am Schaustellerberuf? Wie sehen Sie die Zukunft des Schaustellergewerbes?
Klaus Wilhelm: Ach, da gibt es doch gleich mehrere Gründe. Machen wir uns nichts vor, wir Schausteller sind nicht dazu geschaffen, immer an ein und demselben Ort zu bleiben, wir müssen unterwegs sein. Wir brauchen die Kollegen, lieben die Gemeinschaft und freuen uns auf unser Publikum. Die Zeiten sind aber sicher härter geworden. Immer mehr Plätze fallen weg und viele Besucher drehen heute den Euro zweimal um, bevor sie ihn uns geben. Deswegen müssen wir zum einen noch mehr darauf eingehen, was sich die Besucher von „ihrem Volksfest“ wünschen und erwarten. Zum anderen gilt es, den historischen Charakter unserer Veranstaltungen zu bewahren und mit neuem Leben zu füllen – das ist auch im Hinblick auf die Anerkennung der Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO wichtig. Um beides zu erreichen (Besucherwünsche erfüllen und Bezug zum historischen Ursprung) sollten wir dem Ausufern und Zerfasern unserer Volksfestveranstaltungen, dem „immer höher, schneller, weiter“ und den sich zunehmend wiederholenden Attraktionen selbst einen Riegel vorschieben. Vielfalt ist gut, aber nicht um jeden Preis: Denn während wir uns mit immer neuen Attraktionen um die großen Plätze streiten, sterben die kleinen. Von fünf Großveranstaltungen im Jahr können wir aber nicht alle leben. Viele Probleme sind von uns hausgemacht: Kollegen, die meinen, sich auf Plätze einklagen zu müssen, spalten den Berufsstand. Und fördern, dass die Kommunen irgendwann die Standplätze verlosen. Das will doch keiner, das kann nicht die Zukunft sein. Nein, wir müssen zusammenhalten, uns in Zukunft noch mehr anstrengen und noch professioneller werden. Dann werden auch unsere Enkel noch auf der Reise sein können.