Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Nicht die Asche bewahren, sondern die Flamme weitergeben!

Ein Kommentar von Präsident Albert Ritter zum Umgang mit Traditionsfahnen.

Unterstreicht die Wichtigkeit von Tradition: DSB-Präsident Albert Ritter.

Fahnenaufmarsch während des Delegiertentages in Düsseldorf 2010.

Jahresempfang der Arbeitsgemeinschaft der Schausteller NRW-Mitte 2009 in Bochum mit dem Ex-SPD-Chef Franz Müntefering, dem Träger des "Goldenen Karussellpferdes".

Beisetzung von DSB-Altpräsident Hermann Krameyer im Jahr 2002

Liebe Schaustellerjugend!
Liebe Kolleginnen!
Werte Kollegen!


Mit meinem heutigen Kommentar möchte ich Eure Aufmerksamkeit auf das Thema Umgang mit unseren Traditionsfahnen lenken. Zu Beginn meiner Präsidentschaft musste ich leider von einigen Kollegen hören, dass die Fahnen unserer Traditionsverbände ein Relikt aus vergangenen Zeiten seien und diese doch besser in den Heimatmuseen der einzelnen Städte aufgehoben wären.
Ich freue mich riesig darüber, dass in den vergangenen Jahren ein positiver Sinneswandel auch bei diesen Kollegen stattgefunden hat. Mehr und mehr ist mittlerweile fast allen deutschen Schaustellern bewusst geworden, dass gerade durch das Bewegen und öffentliche Präsentieren unserer Traditionsfahnen eine hervorragende, fast unbezahlbare Öffentlichkeitsarbeit für unser Gewerbe geleistet werden kann. So sind zum Beispiel die neu initiierten Fahnenmärsche aus Anlass von Volksfesteröffnungen eine beeindruckende Dokumentation für unser Schaustellergewerbe geworden.
Beispielhaft sei hier die Teilnahme der Schaustellerfahnen an der Eröffnung des großen traditionellen St. Sebastian Schützenfestes in Düsseldorf genannt, wo mit dem Einmarsch unserer Fahnen nun auch den konservativsten Bürgern dieser Stadt deutlich aufgezeigt wird, dass wir Schausteller über eine tiefe und seriöse Gewerbetradition über Jahrhunderte verfügen.

Durch die Fahnenmärsche auf Volksfesteröffnungen wird neben allen Volksfestbesuchern auch den letzten offiziellen Gästen die tiefe positive Tradition der Schausteller vor Augen geführt. Gerade die politischen Vertreter sind immer wieder höchst erstaunt über die große Tradition der Schaustellerfamilien – dokumentiert durch unsere Fahnen.
Wenn ich nach den Fahneneinmärschen den politischen Vertretern erklären kann, dass unsere Fahnen ein tiefes Zeugnis des Freiheitswillens unseres Gewerbes sind, sind diese meist höchst erstaunt zu hören, dass unsere Schaustellerverbände als freie Gewerbevertretungen von den Nationalsozialisten verboten wurden und alle Schausteller des „tausendjährigen“ Reiches in eine Zwangsorganisation der Reichsgruppe ambulanter Gewerbetreibender hineingezwungen wurden.
Die traditionellen Schaustellervereine wurden von den Nazis zwangsweise aufgelöst und die Fahnen konfisziert und vernichtet.
Erst nach Kriegsende konnten sich die Schausteller in den westlichen Besatzungszonen mit Erlaubnis der jeweiligen Militärkommandanten als freie Schaustellerverbände wieder zusammenschließen.
Die Schaustellerkollegen in der DDR mussten sogar bis 1989 warten, bis sie ihre Traditionsverbände erneut mit Leben erfüllen konnten. Denn auch in der DDR waren selbstständige Schaustellerverbände vom Regime verboten.
Über all diese dunklen Jahre hinweg haben, ich möchte sagen, wahre Helden des Schaustellergewerbes, einige der Traditionsfahnen vor den jeweiligen diktatorischen Machthabern verstecken können.
Das Auffinden der Fahnen, der verbotenen freien Schaustellervereine, hätte besonders bei den Nazis zu schwersten Strafen geführt. Beispielhaft ist belegt, dass die Schaustellerkollegen der Roten Erde in Dortmund sich ein regelrechtes Gefecht mit der SA lieferten, als diese die Vereinskasse beschlagnahmen wollten, mit dem Ergebnis, dass die Schausteller sogar in Haft genommen wurden.
Ein besonderes Erlebnis war für mich, dass ich im Jahre 1989 dabei sein durfte, als der Kollege Helmut Hoffmann, Vorsitzender des wieder gegründeten Leipziger Schaustellerverbandes, auf seinem Dachboden zum ersten Male nach über 50 Jahren, die Fahne des Thüringer Schaustellervereins aus ihrem Versteck holte.
Uns Schausteller sollte es mit größtem Stolz erfüllen, dass unsere Fahnentradition so tiefe freiheitliche und demokratische Wurzeln hat.

Wir sollten auch in Zukunft aufrecht und stolz, wie ein Schild im Kampfe für unser Gewerbe, die Traditionsfahnen zu jedem würdigen Anlass tragen.
In einer Zeit, wo andere gesellschaftliche Gruppen nach ihrer Identität suchen, sollten wir als Schausteller dafür dankbar sein, dass wir mit unseren Fahnen ein tiefes Symbol für unsere Gewerbefreiheit und Einigkeit der deutschen Schausteller besitzen. Bereits vor über 120 Jahren haben sich die deutschen Schausteller erstmalig zu einem Gesamtverband zusammengeschlossen. Bereits damals dokumentierten die Kollegen ihre menschliche Offenheit mit dem Namen dieses Verbandes, wohlgemerkt vor 120 Jahren, trug der Verband den Namen „Internationaler Verband reisender Schausteller und Berufsgenossen“ mit Sitz in Hamburg. Bis heute fußen in ganz Deutschland die bestehenden Schaustellerverbände auf den damaligen Sektionen dieses freien Reichsverbandes, egal welcher Bundesorganisation sie auch jetzt angehören.

Liebe Schaustellerjugend, werdet Euch der demokratischen und freien Wurzeln unserer Berufsverbände bewusst! Ich appelliere an Euch, erfüllt Eure Berufsverbände mit Leben!
Seid bereit, die gute Tradition der Schaustellerfahnen zu pflegen und stellt Euch zur Verfügung als Bannerträger für unser freies Gewerbe.
Aber tut dies mit dem Blick in die Zukunft gewandt, aufgeschlossen, tolerant und hilfsbereit den eigenen Kollegen gegenüber.
Erfüllt den, auf unsere Traditionsfahnen gestickten Spruch „Einigkeit macht stark“ auch in Zukunft mit Leben.
Wenn das Schaustellergewerbe auch in Zukunft überleben soll, geht dies nur gemeinsam. Geschäftlicher Kannibalismus in den eigenen Reihen führt unausweichlich zum Untergang aller Schausteller.
Pflegt bitte unsere beispielhafte Fahnentradition, und die Fahnen selbst, damit diese auch in den kommenden Jahrhunderten, als Symbol der Einigkeit der deutschen Schausteller von den nächsten Generationen stolz präsentiert werden können.

Ich möchte Euch daher alle recht herzlich einladen, mit Euren Traditionsfahnen in diesem Jahr am 23. September nach München zu kommen und aus Anlass der Fahnenweihe der neuen DSB-Fahne ein weiteres beeindruckendes Symbol der deutschen Schaustellereinigkeit zu setzen.
Unsere Fahnen stehen für Kollegialität, Kameradschaft und Hilfsbereitschaft.
Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle vor allem den Fahnenträgern aussprechen, die nicht nur bei fröhlichen Anlässen bereit sind, unsere Fahnen zu tragen, sondern wie es bei uns gute, kollegiale Tradition ist, auch bei den Trauerfeierlichkeiten für verstorbene Kollegen.
Mit unseren Fahnen geben wir den Angehörigen das Zeichen, dass sie auch in Zukunft nicht allein gelassen sind und auf die Solidargemeinschaft der Schausteller bauen können.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Bewegen unserer Traditionsfahnen ist meist nur mit einem sehr geringen finanziellen Einsatz verbunden, aber der Effekt in der Öffentlichkeit ist gewaltig und eigentlich unbezahlbar.
Daher sollte es jedem Kollegen eine Ehre sein, für die positive Öffentlichkeitsarbeit der Schausteller die Fahne seines Vereins zu tragen und es dürfte ihm wirklich nicht zu viel sein, ein wenig Zeit in diese ehrenvolle Aufgabe zu opfern.
Setzt auch in Zukunft alle Bürgerinnen und Bürger, insbesondere die politischen Vertreter, in Erstaunen, wie viel Tradition unser Schaustellergewerbe besitzt.
Unsere Fahnen sind auf keinen Fall deplatziert, wenn es darum geht, für unser Gewerbe zu kämpfen.
Sei es im Demonstrationszug zum Erhalt des Kirmesplatzes in Neu-Ulm, einer Großdemo des Schaustellergewerbes in Ostfriesland, aber auch die Teilnahme einer örtlichen Vereinsfahne an der Beerdigung eines Nichtschaustellers, wie zum Beispiel bei der Beisetzung eines verdienten Bürgermeisters, wird von den Bürgern der Stadt mit Hochachtung honoriert.

Beispielhaft wird zur diesjährigen Eröffnung der Cranger Kirmes zum ersten Mal seit Jahrzehnten der Ministerpräsident des Landes teilnehmen.
Die amtierende Ministerpräsidentin hat im Vorfeld erklärt, sie komme sehr gerne, aber sie lege großen Wert darauf, mit den Schaustellerfahnen einzumarschieren.
Ich glaube, eine solche Aussage ist der beste Beweis, dass wir mit der Öffentlichkeitsarbeit durch unsere Traditionsfahnen auf dem richtigen Weg sind.
Liebe Schausteller, wer einmal selbst die Eröffnung der Cranger Kirmes als Fahnenträger miterlebt hat, bei der sich ohne besondere Aufforderung 5000 Menschen von ihren Plätzen erheben um damit beim Einmarsch der Schaustellerfahnen die Arbeit unseres Gewerbes zu würdigen, wird dieses Gänsehautgefühl niemals vergessen und allen Kollegen die behaupten, unsere Fahnen gehören ins Museum nur ein unverständliches Lächeln schenken.

Zum Abschluss möchte ich nochmals von ganzem herzen allen treuen Fahnenträgern danken, die über Jahrzehnte hinweg niemals müde wurden, ihre ehrenvolle Aufgabe für das deutsche Schaustellergewerbe zu erfüllen.
Sie stellen mit ihrer Pflichterfüllung unter Beweis, dass Traditionspflege eben nicht das Bewahren der Asche, sondern, durch vorbildliches Verhalten, das Weitergeben der Flamme in die Herzen der Schaustellerjugend für unser immer noch schönes Gewerbe ist.
Diese bewährten Fahnenträger sind Garanten dafür, dass unser Schlachtruf „Einigkeit macht stark“ niemals zu einer leeren Worthülse wird.

Glück auf!
Euer Albert