Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Kongress der europäischen Schausteller: Mit frischem Wind in die Zukunft

Im Anschluss an den 59. Delegiertentag des Deutschen Schaustellerbundes fand am 29. Januar 2008 in Stuttgart der ordentliche Kongress der Europäischen Schausteller-Union (ESU) statt. Teilnehmer waren offizielle Schaustellervertreter aus Schweden, Niederlande, Belgien, Deutschland, Schweiz, Tschechien und Österreich. Auf der Tagesordnung standen eine Vielzahl wichtiger Themen, die die Schaustellerkollegen europaweit betreffen.

Gemeinsam in die Zukunft. Die Teilnehmer des ESU-Kongress 2008 in Stuttgart

Einstimmig sprachen sich die Teilnehmer gegen die neue Europäische Verordnung über Windlastzonen aus. Das Präsidium der ESU wurde beauftragt, hier auf europäischer Ebene zu intervenieren, um auch in Zukunft die Durchführung von Kirmessen und Volksfesten in Küstennähe zu ermöglichen. Hintergrund: Zum Jahresanfang 2007 wurde die aktuelle Fassung der DIN 1055-4:2005-03 (Windlastnorm) rechtskräftig bauaufsichtlich eingeführt und in die Liste der technischen Baubestimmungen aufgenommen. Damit ist die Norm bindend für die Standsicherheitsbemessung zur Berücksichtigung der einwirkenden Windlasten auch bei Fliegenden Bauten. Präsident Albert Ritter bezeichnete die neue Norm als "Katastrophe" insbesondere für die europäischen Nationen, die ihre Traditionsveranstaltungen auch in Küstennähe durchführten, wie etwa in Spanien, Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland und Polen. Die neue Regelung käme einem Berufsverbot gleich. Albert Ritter: "Hier ist ein europäischer Zusammenschluss wichtig, um den gemeinsamen Kampf der Schausteller und Zirkusunternehmen aufzunehmen."

 

Problematik der Umweltschutzzonen
Wie bei den neuen Windlastnormen handelt es sich beim Thema Umweltschutzzonen ebenfalls um eine europäische Richtlinie, die massiven Einfluss auf die Ausübung des Schaustellerberufes zur Folge hat. Alte Schaustellerzugmaschinen, die nicht den Schadstoffnormen entsprechen, dürfen danach nicht mehr in die entsprechenden Gebiete einfahren. Aber auch hier wurden gerade in Deutschland schon viele Ausnahmeregelungen geschaffen, um das Gewerbe zu sichern und das Anfahren von Volksfest- oder Zirkusstandorten zu ermöglichen. Die ESU wird auf europäischer Ebene zu diesem Thema vorstellig werden.
Im Bereich Verkehrsfragen informierten die Vertreter des schwedischen Schaustellerverbandes ergänzend über die große Problematik der schwedischen Kollegen wegen "nicht mehr zu ertragender" Steuern- und Gebührenbelastungen der LKW und Zugmaschinen. Die ESU wird in Absprache mit dem schwedischen Schaustellerverband tätig werden und versuchen, ähnliche Regelungen, wie in den benachbarten europäischen Ländern zu erreichen. Als positives Beispiel wurde die Befreiung der  Schaustellerfahrzeuge von der Autobahn-Maut in Deutschland genannt.

 

Forderung nach europaweiter kultureller Anerkennung der Volksfeste
Eine zentrale Forderung der Europäischen Schausteller-Union ist die Forderung, den kulturellen Status für Volksfeste in Europa festzuschreiben. Wie wichtig dieser Einsatz auf europäischer Ebene ist, zeigte sich Mitte des vergangenen Jahres. Mit einer eindrucksvollen Demonstration hatten europäische Schausteller Ende Juli 2007 im niederländischen Tilburg gegen Pläne der Regierung in Den Haag protestiert, den kulturellen Status der Volksfeste in den Niederlanden abzuschaffen und damit verbunden, die Mehrwertsteuer von 6 auf 19 Prozent zu erhöhen. 245 Schaustellerbetriebe beteiligten sich auf dem großen Kirmesplatz von Tilburg für eine symbolische Viertelstunde an der Demonstration. Lautstark unterstützt wurden sie dabei von Vertretern der Behörden, Kirchen und zahlreichen Kirmesbesuchern, die mit 60.000 Leuchtstäben winkend immer wieder ihr "Neeee!" zu den Kabinettsplänen skandierten. Die Schaustellerdemonstration war von Erfolg gekrönt. Die niederländische Regierung zog nach dem Nein der Schausteller ihre Pläne zurück. In Tilburg wurde nicht nur für die niederländischen sondern für die Interessen aller europäischen Schausteller demonstriert und ein dringender Appell an die EU-Regierungen gerichtet, akzeptable Rahmenbedingungen für das europäische Schaustellergewerbe zu schaffen.

 

ELVET-Projekttreffen
Bereits seit 2001 werden in Herne die BeKoSch-Lehrgänge für berufsschulpflichtige Schausteller angeboten. Unter dem Kürzel ELVET (Electronic Learning for the Vocational Education of Travellers = Elektronisches Lernen zur beruflichen Bildung Reisender) wird nun in Ergänzung zum Blockunterricht ein europäisches Lernkonzept für das Internet entwickelt. Das Präsidium informierte über die Treffen der Projektpartner aus Dänemark, Belgien, den Niederlanden, Bulgarien und Deutschland im vergangenen Jahr in Herne, Apeldorn und Soest, wo die grundsätzlichen Rahmenbedingungen, Ziele und Arbeitsaufgaben besprochen wurden.

 

Schaustellerinnen im ESU-Präsidium
Ein weiteres Thema von Stuttgart bildete die turnusgemäße Wahl des Präsidiums der ESU (Ergebnisse siehe unten). Im Vorfeld hatte der langjährige Vizepräsident für Finanzen, Bertus Donks (Niederlande), erklärt, dass er freiwillig bereit sei, jüngeren Kollegen den Weg in das Präsidium freizumachen, um so die Schlagkräftigkeit der ESU weiter zu steigern. Präsident Albert Ritter danke im Namen des Präsidiums Bertus Donks für die jahrzehntelange erfolgreiche Arbeit. Bertus Donks war bereits im November 2007 in Brüssel mit der großen Ehrennadel der ESU ausgezeichnet worden. Albert Ritter: "Die ESU freut sich, dass Bertus Donks dem ihm verliehenen Ehrentitel „Ehrenbotschafter der ESU angenommen hat und weiterhin seine guten Kontakte zum Wohle der ESU nutzen wird." Der Kongress beschloss weiterhin, Fritz Hoppe (Deutschland) für seine unermüdliche Arbeit um die ESU zum "Ehrenbotschafter der ESU" zu ernennen. Einen besonderen Dank sprach Präsident Ritter ESU-Buchführer Jos Abrahams aus, der sich seit vielen Jahren "mit großem Engagement für die Belange der ESU einsetzt."
Mit großer Freude konnte das ESU-Präsidium dem Kongress mitteilen, dass mit dem niederländischen "De Nederlandse Kermisbond" (N.K.B.) und der französischen "Association professionnelle Parcs et Loisirs" zwei weitere Nationalverbände in die ESU aufgenommen wurden. Präsident Ritter: "Dies ist ein weiterer Beleg für die gute und effektive Arbeit der letzten Jahre. Durch die neuen Mitglieder wird die ESU mit weiterem Leben erfüllt. Wir freuen uns, dass mit der Aufnahme des N.K.B. nun alle Schausteller aus den Niederlanden in der ESU organisiert sind."

 

Ergebnis der Präsidiumswahl
• Präsident Albert Ritter (Deutschland)
• Vizepräsident Charles Senn (Schweiz)
• Vizepräsident Frank Delforge (Belgien)
• Vizepräsidentin Monika Niewinowska (Polen)
• Vizepräsidentin Nicole Vermolen (Niederlande)
• Generalsekretär Jany de Vries (Belgien)
• Stv. Generalsekretär Steve Severeyns (Belgien)
• Revisor Wilhelm Schemel (Deutschland)
• Revisor Dr. Kurt Kaufmann (Österreich)
• Sicherheitsbeauftragter Organisation und Volksfeste Marc Weydert (Luxemburg)
• Sicherheitsbeauftragter Fahrgeschäfte Oscar Bruch jun. (Deutschland)
• Sicherheitsbeauftragter Elektrische Einrichtungen Jan Hoefnagels (Niederlande)
• Fahnenträger Jany de Vries (Belgien)

 

ESU-Vertretung im Europaparlament
Die Präsidentin des Europäischen Frauen Bundes, Marlies Löwenthal, gab im Rahmen des ESU-Kongress einen Überblick zur Verbandsarbeit und regte an, dass sich der Europäische Frauen Bund vermehrt für die Themen der Bildung und beruflichen Qualifizierung von Schaustellerkindern und Jugendlichen einsetzten möge.
Zum Abschluss der ESU-Tagung teilte Präsident Ritter mit, dass mit dem Franzosen Jean Louis Cottigny nunmehr auch ein Schaustellerkollege im Europäischen Parlament vertreten sei. Im Gespräch mit Präsident Ritter hatte Jean Louis Cottigny bereits zugesagt, sich speziell für die Schaustellerprobleme im Parlament einzusetzen.