Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Interview mit Herrn Rüth von der Arbeiterwohlfahrt Essen

Foto: DSB

Arbeitslosigkeit, mangelhafte Infrastruktur und eine gescheiterte Integrationspolitik führen zunehmend zur Bildung von sozial problematischen Wohnquartieren, insbesondere in Großstädten. Unter dieser Fehlentwicklung leiden in der Folge auch häufig die in diesen Quartieren beheimateten Volksfeste.

Herr Thomas Rüth, Mitarbeiter beim Jugendhilfenetzwerk der Arbeiterwohlfahrt, Kreisverband Essen, ist seit Jahren mit dieser Problematik befasst und geht mit seinem Team im Rahmen des Quartiermanagements neue Wege, um soziale Brennpunkte auf Volksfesten friedlich zu lösen beziehungsweise gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Herr Rüth, wie stellt sich das Problem in Essen dar?

Die aufsehenerregenden Auseinandersetzungen zwischen drei libanesischen Großfamilien und der entsprechenden medialen Präsenz der einzelnen Vorfälle prägten in erster Linie das Bild des Stadtteils Altenessen. Insgesamt hat es acht große Massenschlägereien in kurzer Zeit gegeben, an denen zum Teil über 150 Personen beteiligt waren. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung war eine Auseinandersetzung auf der Frühjahrskirmes im April 2011. Wegen dieser Tumulte musste die Veranstaltung abgebrochen werden. Neben konkreten Straftaten gab es auch Tendenzen von Selbst-Ethnisierung: Junge Libanesen drohen Kontrahenten mit Konsequenzen durch ihre Großfamilien und setzen bewusst auf das negative Image der Gruppe zur Durchführung ihrer Interessen. Auch Deutschfeindlichkeit als eine Reaktion auf erlebte Fremdenfeindlichkeit oder die einfache Lust an Provokation prägten das Auftreten einiger junger Migranten im öffentlichen Raum. Für den Bürger verfestigte sich hier der Eindruck, dass die Jugendlichen einen Gebietsanspruch für sich proklamieren – und somit ein rechtsfreier Raum entsteht. Dennoch gilt: Wir haben ein Problem in Altenessen, aber der Stadtteil ist kein sozialer Brennpunkt sondern ein lebenswertes Quartier.

Welche Wege gehen Sie, um zu den Jugendlichen in sozialen Problembezirken durchzudringen?

Nach den Presseberichten über den angeblich rechtsfreien Raum fanden kurzfristig behörden- und fachbereichsübergreifende Gespräche statt. Zunächst wurde eine aufsuchende Befragung durchgeführt. Diese ermöglichte einen Gesamteindruck, der über das Thema hinausgehenden städtebaulichen Aspekte, aber insbesondere eine Einschätzung der Situation durch die Stadtteilbewohner. Als Ergebnis zeigte sich, dass die Hälfte aller Befragten (47,9 %) die Sicherheitssituation im Stadtteil negativ beurteilte, aber eben genau die Hälfte der Bürger die Situation nicht so problematisch sahen.

Zusätzlich zur allgemeinen Einschätzung der Sicherheit im Stadtteil wurden einige  Hinweise genannt, die sich auf sicherheitsrelevante Aspekte bezogen. Dabei wurden in erster Linie problematische Verhaltensweisen wie Pöbeleien, Aggressionen und Provokationen von Jugendlichen als störend benannt. Hinweise auf tatsächlich kriminelles Verhalten wie Raub, Betrug, Diebstahl, Überfall, Erpressung fanden sich nur in ca. 11 % der Interviews wieder. Auch erhielten wir durch die Bürger weitere Hinweise auf als unsicher empfundene Orte im Stadtteil.

Eine zentrale und zeitnahe Maßnahme nach der Befragung war die Einrichtung des Aktionsbündnisses sicheres Altenessen, „AsA“. Das Bündnis besteht aus der Stadt Essen, der Polizei und der Arbeiterwohlfahrt Essen. Das Aktionsbündnis gliedert sich in Teams: Sanktion- und Gefährdungsansprache, Hausbesuche bei Familien, Veranstaltung Stadtteilfest und Kirmes. Seit Ende 2012 sind Altenessen-Süd und das Nordviertel neu in das Programm Soziale Stadt aufgenommen. Seit Anfang 2012 werden für das Quartiermanagement weitere personelle Ressourcen für die integrierte Stadtteilentwicklung zur Verfügung gestellt. Hier gibt es natürlich auch eine sehr enge Zusammenarbeit

Den Schwerpunkt des AsA bildet die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die schon mit Kriminalität in Berührung gekommen sind oder bereits polizeilich als Mehrfach- und Intensivtäter bekannt sind. Die Mitarbeiter des AsA treffen sich wöchentlich, um kurzfristig und zeitnah auf Straftaten von Jugendlichen im Stadtteil reagieren zu können. Folgende operative Maßnahmen werden durch die behördenübergreifende Arbeitsgruppe bedarfsorientiert und zeitnah organisiert: Polizeiliche Ermittlungsarbeit, Straßensozialarbeit, Intervention bei Intensivtätern, Intervention bei Ersttätern, Hausbesuche in den Familien, Hausbesuche bei Beschwerdeführenden, Schlichtung von Wohnumfeldkonflikten, Einsätze in öffentlichen Verkehrsmitteln, Krisenintervention an einzelnen Schulen und Opferprävention.

Dabei steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass Jugendkriminalität nicht allein durch Ordnungsmaßnahmen behoben werden kann, sondern durch einen Zusammenschluss unterschiedlicher, im Umfeld des Stadtteils Altenessen relevanten Kräfte und Institutionen. Aus einer Kombination aus Prävention, Hilfsangeboten, aber auch konkreten Sanktionen arbeiten die Partner nun seit fast drei Jahren in Altenessen zusammen.

Welche speziellen (Lösungs-)Wege haben Sie für das Volksfest gewählt?

Natürlich hat sich das Klima in Essen-Altenessen auch auf die Frühjahrskirmes und das große Volksfest im Herbst ausgewirkt. Konkret standen beide Veranstaltungen vor dem Aus. Die Schausteller hatten ernsthaft überlegt, die Kirmes in Altenessen nicht mehr zu bespielen. Darüber hinaus blieben auf dem ersten Fest nach den Ausschreitungen auf der Frühjahrskirmes sichtbar die Familien weg. Die Leute haben sich einfach nicht mehr auf die Kirmes getraut. Von daher war der friedliche Verlauf der Frühjahrskirmes der entscheidende Gradmesser für den Erfolg des AsA.

Die Polizei hat im Vorfeld der anstehenden Volksfeste zunächst Gefährdeansprachen bei allen uns bekannten Intensivtätern durchführen lassen. Darüber hinaus haben wir mit dem libanesischen Verein der Familienunion und den positiven Kräften bei den betroffenen Familien im Vorfeld der Veranstaltung dafür gesorgt, dass die Familienoberhäupter auf die Jugendlichen einwirken. Bei Analyse der Vorfälle auf der Frühjahrskirmes haben wir festgestellt, dass die Ausschreitungen im Bereich des Autoskooters entstanden sind. Wir haben dann einfach gegenüber dem Autoskooter einen Stand des AsA aufgebaut. Bei der ersten Kirmes haben sich hier dann an allen drei Veranstaltungstagen die Familienoberhäupter mit uns gemeinsam auf die Kirmes gesetzt. Das hat die Jugendlichen natürlich sehr überrascht. Viele Jugendliche sind immer wieder gekommen und haben geguckt, ob ihre Väter und Onkel noch auf der Kirmes sitzen und sind dann enttäuscht abgezogen. Natürlich hat es völlig unabhängig von dieser Maßnahme ein Sicherheitskonzept der Polizei gegeben, das für entsprechende Notfälle vorgesorgt hat. Bei den Folgeveranstaltungen wollten wir nun nicht den Eindruck erwecken, dass Familienoberhäupter notwendig sind, um die Kirmes zu beschützen. Deswegen haben wir bei den weiteren Veranstaltungen die Präsenz der Familienoberhäupter am Stand des AsA abgebaut. Bei der zweiten Veranstaltung waren die Familienoberhäupter nur in Zweiergruppen unterwegs. Schließlich und letztendlich haben sich die Familienoberhäupter insgesamt zurückgezogen und wir haben den Stand des Aktionsbündnis sicheres Altenessen mit Frauen und Müttern besetzt, die verschiedene Angebote für die Kinder der Kirmesbesucher durchgeführt haben. Auch hierüber waren die Jugendlichen sehr überrascht. Nachdem sie zunächst ihre Väter vorgetroffen haben, haben jetzt ihre Mütter auf der Kirmes Präsenz gezeigt. Auch wir waren mit Sozialarbeitern ständig vor Ort. Beim letzten großen Herbstfest war es sogar so, dass die Jugendlichen, die vorher Probleme gemacht haben, zu uns an den Stand gekommen sind, sich dort hingesetzt haben und Kontakt mit uns gesucht haben.

Wie hat sich das ausgewirkt? Ist das Volksfest familienfreundlicher geworden, steigen die Besucherzahlen?

Insgesamt kann man sagen, dass die verzahnte Struktur der Kooperationspartner gegriffen hat. Die Kriminalitätszahlen in Altenessen, besonders in Gewaltbereichen, sind seit Gründung der AsA leicht rückläufig. Neben dem polizeilichen Druck wurde auch die soziale Kontrolle durch die geschilderten Maßnahmen erhöht. Insgesamt wurden über 300 Hausbesuche bei Tätern, Jugendlichen, Eltern, Bürgern im Stadtteil durchgeführt. Zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen weisen darauf hin, dass diese nicht mehr einen rechtsfreien Raum für sich postulieren. Auch das Beschwerdeaufkommen der Bürger ist deutlich zurückgegangen. Auf der Kirmes hat es auf allen sechs Veranstaltungen im Projektzeitraum keinerlei Ausschreitung und Vorfälle mehr gegeben. Der größte Erfolg jedoch ist die Präsenz der „Kinderwagen und Kleinkinder“ – bei der letzten Kirmes sind die Familien sichtbar auf die Veranstaltung zurückgekehrt.

Haben Sie eine Empfehlung für andere Volksfestveranstalter?

Das ist natürlich immer sehr von der lokalen Situation abhängig. Die Frühjahrskirmes und das Herbstfest in Altenessen sind traditioneller Teil des Stadtteillebens. Hätten diese Jahreshöhepunkte nicht mehr durchgeführt werden können, wäre es wirklich sehr traurig gewesen. Ich kann allen Volksfestveranstaltern nur raten, sich um ähnliche Entwicklungen zu bemühen, wenn es zu ähnlichen Problemen kommt. Es geht darum wirkliche „operative Arbeitsbündnisse“ zu schmieden in der jeder Beteiligte sich einbringt und mit anpackt. So haben natürlich auch die Schausteller Ihren Teil beigetragen, besonders Albert Ritter hat uns jeden Tag vor Ort unterstützt. Herr Ritter war aber auch bereit, sich weit darüber hinaus einzubringen. Als es beim Bau eines libanesischen Kulturzentrums Probleme mit den Nachbarn gab, hat er sehr hilfreich interveniert. Letztendlich haben alle Beteiligten profitiert.