Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Für die Schaustellerkinder durch ganz Schleswig-Holstein

Interview mit Matthias Andrae, Bereichslehrkraft in Schleswig-Holstein.

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

500 bis 700 Kilometer wöchentlich fährt Matthias Andrae mit seinem Auto quer durch Schleswig-Holstein. Der 63-jährige Lehrer arbeitet seit zwölf Jahren als Bereichslehrkraft. Er unterstützt reisende Kinder und Jugendliche bei Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitungen und berät Eltern in schulischen Angelegenheiten. Zwischen 50 und 70 Kinder und Jugendliche betreut Andrae momentan. Ob in der Schule oder direkt auf dem Volksfestplatz – Andrae ist dort, wo er gebraucht wird. Sogar am Wochenende.

Herr Andrae, Sie sind nicht nur nebenbei als Bereichslehrkraft tätig, sondern Sie sind eine „Vollzeit-Bereichslehrkraft“. Wie sieht eine normale Arbeitswoche für Sie aus?

Eine normale Arbeitswoche dauert bei mir in der Regel sieben Tage und nicht fünf, denn meine Kollegin und ich arbeiten auch am Wochenende. Wir sind rund um die Uhr zu erreichen und können sofort reagieren, wenn es ein akutes Problem gibt.

Wir beraten Kinder und Eltern, helfen bei Hausaufgaben oder bei der Prüfungsvorbereitung.

Die meisten Schaustellerkinder werden schon frühzeitig in den familiären Betrieb eingebunden und haben den Wunsch den Betrieb einmal zu übernehmen. Manche sehen deshalb keine Notwendigkeit für einen Schulabschluss. Wie gehen Sie mit dieser Einstellung um?

Das ist richtig. Viele Kinder beruflich Reisender sagen uns, „wozu soll ich lernen? Ich übernehme doch sowieso das Geschäft meiner Eltern“. Deren Eltern wiederum fehlt ein Vorausdenken, sie leben von einem auf den anderen Tag, frei nach dem Motto „irgendwie wird es schon weitergehen“. Wir müssen dann den Kindern häufig klar machen, dass ihre Ausbildung nicht gut genug sein kann, auch im Schausteller-Bereich. Außerdem eröffnet ein Schulabschluss die Möglichkeit, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ich sage aber ganz deutlich, dass wir ihnen auf keinen Fall vom Schaustellerberuf abraten wollen – die Jugendlichen sollen einfach Wahlmöglichkeiten haben, denn Schausteller haben es heute wirtschaftlich nicht leicht. Einige kommen gerade so über die Runden. Jugendliche mit einem Schulabschluss haben da einfach bessere Chancen.

Was ist Ihr Ziel als Bereichslehrer?

Unser Ziel ist es, dass kein Kind mehr frühzeitig die Schule verlässt, sondern einen Haupt- oder Realschulabschluss schafft. Keinen Abschluss der Förderschule. Das ist mir sehr wichtig. Im letzten Jahr haben alle Schaustellerkinder in Schleswig-Holstein einen Schulabschluss erreicht und seit drei Jahren hat kein Kind mehr die Schule vorzeitig verlassen. Damit haben wir ein wesentliches Ziel erreicht!

Neben der Tätigkeit als Bereichslehrkraft unterstützen Sie zusätzlich den BeKoSch-Lehrgang (Berufliche Kompetenzen für Schausteller) in Neumünster. Kann mit dieser Initiative eine gute Ausbildung für die Schaustellerjugendlichen ermöglicht werden?

Ja, ich denke schon. BeKoSch hat eine enorme Bedeutung. Wenn die Kinder die Schule verlassen, ist ihre Ausbildung abgeschlossen. Denn die Jugendlichen fangen ja meist mit 15 oder 16 Jahren in den Betrieben der Eltern an zu arbeiten. Dann sind sie darauf angewiesen, dass sie von den Eltern ausgebildet werden. Nun haben sich aber viele Eltern, nachdem sie die Schule absolviert hatten, auch nicht mehr fortgebildet. Die wissen viele Dinge nicht.

In den BeKoSch-Kursen bekommen die Schaustellerkinder von Fachkräften, von Lehrkräften der Berufsschulen, neue Konzepte und Ideen vermittelt – z.B. dazu, welche Möglichkeiten es gibt, ein Geschäft erfolgreich zu führen. Denn wenn Schaustellerjugendliche nicht wissen, wie guter Service und gute Kundenbetreuung aussieht, nichts mit Bilanzen anfangen können, oder keine Buchhaltung oder Kassenführung machen können, dann haben sie auch in diesem Beruf keine Chance mehr. Es gibt immer mehr Kinder, die sagen, wir wollen Englisch sprechen können, wir wollen gut ausgebildet sein. Der Selbstanspruch an eine bessere Ausbildung – der ist schon da. Schließlich kommt das ja dem eigenen Betrieb zugute.

Was leistet BeKoSch im Gegensatz zu einer normalen Berufsschule?

Das Entscheidende, warum es BeKoSch überhaupt gibt, ist, dass die normalen Berufsschulen nicht in der Lage sind, zeitlich flexible Berufsvorbereitung anzubieten. In den BeKoSch-Programmen erhalten die Jugendlichen schaustellerspezifisches Wissen. Zum Beispiel Airbrush-Techniken oder Schweißen. Fähigkeiten, die den Erfolg des Schaustellerbetriebes u.a. sichern können. Von den jungen Leuten wird auch stark geschätzt, dass sie als eine soziale Gruppe zusammenwachsen. Jugendliche, die nicht nur zusammen zur Schule gehen, sondern auch mal am Abend zusammensitzen oder feiern. Ich finde es gut, dass sie keine Einzelkämpfer sind, sondern in der Gruppe zusammenhalten. Sobald die Kinder in der neunten Klasse sind, weise ich sie daraufhin, dass sie sich auf jeden Fall nach dem Schulabschluss für den BeKoSch-Kurs anmelden sollen. Der ist ja der Ersatz für den Berufsschulbesuch, wird aber längst nicht von allen Jugendlichen aus dem Schaustellerbereich wahrgenommen.

Würden Sie sagen, das Bundesland Schleswig-Holstein ist gut aufgestellt, wenn es um die Bildung reisender Kinder und Jugendlicher geht?

Ja, das würde ich schon sagen. Ohne uns selbst loben zu wollen, muss ich sagen, dass meine Kollegin und ich das gut hinbekommen im Moment. Freilich kann es Unterstützung nie genug geben. Aber im Vergleich zu anderen Bundesländern, in denen es gar keine Bereichslehrkräfte gibt und auch keine BeKoSch-Standorte, können wir schon zufrieden sein. Bundesweit gesehen wäre es auf jeden Fall ratsam, auch im Süden BeKoSch-Lehrgänge einzuführen, denn momentan gibt es diese nur in Herne, Neumünster und Nidda.

Wie können Eltern mit Ihnen oder Ihrer Kollegin in Kontakt treten?

Wir Bereichslehrkräfte sind mittlerweile bekannt unter den Schaustellern. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich schon verbreitet, wer wir sind und wie man uns erreichen kann. Unsere Kontakte stehen auch im aktuellen Marktkalender oder auf der Internetseite schule-unterwegs.de. Wir sind jederzeit zu erreichen.

 

Matthias Andrae ist Bereichslehrkraft im Bundesland Schleswig-Holstein und außerdem für die Anmeldung des BeKoSch-Lehrgangs in Neumünster zuständig. Sie erreichen ihn mobil unter: 0151 – 51609731 oder auch per Email: ma.andrae@googlemail.com.  

Bildung ist das Kapital der Zukunft

Bildung bedeutet Zukunft – das hat der DSB schon seit Jahren erkannt und Bildung zu einem seiner Kernthemen gemacht. In Fachgruppensitzungen, auf Delegiertentagen und Hauptvorstandssitzungen bringt der DSB das Thema Bildung regelmäßig auf die Agenda und hat dafür mit Bundesfachberater Andreas Horlbeck einen kompetenten festen Ansprechpartner. Mit Vorträgen und Workshops bieten wir unseren Jugendlichen Perspektiven! Beste Beispiele hierfür sind der Workshop für junge Existenzgründer auf dem Delegiertentag in Osnabrück oder die gemeinsame Fahrt mit dem AK Zukunft zum Marketingvortrag in den Europapark nach Rust.

Hilfreiche Internetadressen:

BeKoSch – Berufliche Kompetenzen für Schausteller:

http://www.bkherne.de/index.php?option=com_content&task=view&id=191&Itemid=106  

Ett Edu – European Transfer of Travellers vocational Education: http://www.ett-edu.eu    

Schule unterwegs: http://schule-unterwegs.de  

LARS – Lernen auf Reisen-Schule: http://www.lar-s.de

Berichte zum Thema Ausbildung für Schaustellerjugendliche finden Sie hier:

WDR Lokalzeit Ruhr: Schausteller gehen im Winter zur Schule

http://www.youtube.com/watch?v=F-W1lixxKiU&feature=player_embedded  

Westfalen-Blatt, 31.01.2013: Fit für den Familienbetrieb

http://www.ett-edu.eu/images/stories/presse/fit%20f%C3%BCr%20den%20familienbetrie.pdf

Neue Westfälische, 19. 01. 2013: Fit für den Rummel

http://www.ett-edu.eu/images/stories/presse/fit%20f%C3%BCr%20den%20rummel.pdf