Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Einsatz für Bildung

Martin Treichel, Präsident des Verbandes zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern Angehöriger reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V. (BERiD), über den Schulalltag von Schaustellerkindern und die unterstützende Arbeit seines Verbandes.

Martin Treichel, Präsident des Verbandes zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern Angehöriger reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V. (BERiD)

Für seinen richtungweisenden Einsatz für die Beschulung reisender Kinder verleiht Präsident Albert Ritter (rechts) im November 2011 Martin Treichel die Goldene Ehrennadel des Deutschen Schaustellerbundes. Fotos: DSB

Herr Treichel, was sind die Herausforderungen dabei, eine gute Schulbildung für Schaustellerkinder zu ermöglichen?
Schaustellerkinder haben es in ihrer schulischen Laufbahn besonders schwierig, weil sie durch die Reisetätigkeit ihrer Eltern enorm gefordert werden. Für manche Kinder stehen an die 30 Schulwechsel im Jahr an. Die teilweise großen Unterschiede in den Schulsystemen der einzelnen Bundesländer erschweren den Schulalltag. Hinzukommt, dass reisende Kinder häufig nicht die Aufmerksamkeit von den Lehrkräften bekommen, die sie brauchen und die wir uns wünschen würden.

Welche Projekte hat BERiD initiiert, um diese Probleme anzugehen?
Wir fördern den Einsatz von sog. Bereichslehrkräften. Diese werden teilweise vom regulären Unterricht freigestellt, um Schaustellerkinder zu unterrichten, die gerade in ihrer Region sind. Bereichslehrkräfte sind das zentrale Bindeglied zwischen der Schule am Hauptwohnsitz und den Schulen, die die Kinder auf Reisen besuchen: Sie geben Förderunterricht, helfen bei Hausaufgaben und sprechen mit den Lehrkräften an der Heimatschule und den Eltern. 13 Bundesländer haben das Modell „Bereichslehrkräfte“ inzwischen etabliert. Außerdem arbeiten wir daran, die schulische Ausbildung im Ausland zu verbessern und fördern den Einsatz von Online-Lernprogrammen. Eine weitere Hilfe sollen sog. Lernpaten werden, also Lehrer und Studenten, die Schaustellerkinder im Schulalltag unterstützen. Auch die Eltern sind gefordert.

An welchen aktuellen Projekten arbeitet BERiD noch?
Wir suchen nach alternativen Lernorten in der Nähe von Volksfesten und Weihnachtsmärkten, wo Förderunterricht stattfinden und bei Hausaufgaben geholfen werden kann – beispielsweise Wohnwagen, die als Schulwagen umfunktioniert werden. Auch öffentliche Räume in der Nähe des Festplatzes bieten sich an. DSB-Präsident Albert Ritter hat uns angeboten, seinen Restaurantwagen in Krefeld nachmittags für Schaustellerkinder zur Verfügung zu stellen. Darüber freuen wir uns sehr.

Warum ist eine gute Schulausbildung für Schaustellerkinder heute wichtiger als noch vor 20 Jahren, als der Verein gegründet worden ist?
Bildung ist essentiell, um als mittelständischer Betrieb wettbewerbsfähig zu bleiben. Wer sich zum Beispiel um einen Platz bewerben oder beim Amt vorsprechen will, muss sich gut ausdrücken und komplizierte Texte richtig verstehen können.  Außerdem gibt es Hunderte Gesetze und Regelungen, die man als Schausteller beachten muss –  Verkehrsregelungen, hygienische Anforderungen, steuerrechtliche Fragen oder auch komplizierte technische Angaben. BERiD fördert, gemeinsam mit dem DSB, gezielt die Wirtschaftsfähigkeit der Schaustellerbetriebe.

BERiD arbeitet auf europäischer Ebene innerhalb des Netzwerks ENTE (European Network for Traveller Education) zusammen, dem Sie ebenfalls vorstehen. Wieso ist diese internationale Vernetzung für den Verein und die Schaustellerkinder wichtig?
Europäische Regelungen bestimmen heute unseren beruflichen Alltag. Daher ist es wichtig, sich auf europäischer Ebene über Ideen und bereits bewährte Projekte gemeinsam auszutauschen: Wir bündeln Wissen, um nicht immer von Null anzufangen. Da immer mehr Schausteller grenzüberschreitend arbeiten, setzen wir uns für europaweit einheitliche Konzepte ein.  ENTE-Stützpunkte helfen zum Beispiel, Bereichslehrkräfte zu vermitteln:  Wenn etwa eine niederländische Schaustellerfamilie in Deutschland unterwegs ist, dann kann der deutsche Stützpunkt einen Lehrer vermitteln, der niederländisch spricht.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?
Die Erhaltung und Ausweitung von Bereichslehrkräften ist uns ein besonderes Anliegen. Dann wollen wir Online-Lernprogramme besser strukturieren. Außerdem soll die Frühförderung für Schaustellerkinder im Kindergartenalter ausgebaut werden. Und schließlich arbeiten wir momentan daran, Berufsausbildungen für Schaustellerjugendliche zu realisieren.

Wer sollte sich Ihrer Meinung nach noch mehr für die Bildung der Schaustellerkinder einsetzen?
Eltern schreiben der Bildung ihrer Kinder heute einen höheren Stellenwert zu als noch vor einigen Jahren. Das ist sehr erfreulich. Aber auch Schul- und Kultusministerien sowie die Berufsverbände müssen Verantwortung übernehmen. Der DSB bietet gemeinsam mit Vertretern der Wirtschaft Aus- und Weiterbildungsangebote für seine Mitglieder an. Zu guter Letzt ist die EU gefragt, für mehr Einheitlichkeit zwischen den Staaten zu sorgen.

BERiD gibt es nun schon seit über 20 Jahren. Welche Erfolge konnten durch dieses Engagement erzielt werden?
Zu den Erfolgen zähle ich, dass inzwischen 13 Bundesländer Bereichslehrkräfte für den Unterricht von Schaustellerkindern abstellen. BERiD hat das in den Bundesländern und Kultusministerien immer wieder angemahnt. Außerdem sind wir in Sachen Schulabschlüssen und Dauer des Schulbesuchs auf einem guten Weg:  Die Anzahl der Schaustellerkinder mit Schulabschluss steigt, ebenso die Dauer des Schulbesuchs. Insgesamt sind wir in den vergangenen 20 Jahren sehr weit vorangekommen – aber es gibt weiterhin viel zu tun.

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