Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Die deutsche Volksfestkultur ins öffentliche Bewusstsein rücken!

Museumsdirektor Prof. Dr. Uwe Meiners unterstützt die UNESCO-Bewerbung des DSB – Deutsche Volkfestkultur mit „kulturellen und sozialen Dimensionen“.

Museumsdirektor Prof. Dr. Uwe Meiners und DSB-Hauptgeschäftsführer Frank Hakelberg vor dem Museumsdorf Cloppenburg


Die lebendige deutsche Volksfestkultur soll immaterielles Kulturerbe werden! Mit der Bewerbung des DSB bei der UNESCO-Kommission im letzten Jahr, hat der DSB die Bedeutung der deutschen Volksfeste als elementares Kulturgut für Deutschland in die Öffentlichkeit gerückt. Präsidium und Geschäftsstelle haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine fundierte Bewerbung am 31. November 2013 einzureichen. Entscheidend für die Bewerbung waren unter anderem zwei Empfehlungsschreiben von Experten. Eines davon hat Prof. Dr. Uwe Meiners, Museumsdirektor des Museumsdorfes Cloppenburg, geschrieben. Im Gespräch erzählt er, was ihn an der deutschen Volkfestkultur begeistert, worin er das Einzigartige dieses Kulturgutes sieht und wie sich die Volksfeste von heute von den Volksfesten von damals unterscheiden.


Herr Prof. Dr. Meiners, Sie haben mit Ihrem Empfehlungsschreiben den DSB bei der Bewerbung um die Anerkennung der deutschen Volkfestkultur als immaterielles Kulturerbe unterstützt. Welche Argumentation haben Sie in Ihrem Schreiben an die Kommission verfolgt?

Ich wollte in meinem Empfehlungsschreiben zeigen, dass Volkfeste zu unserer Kulturgeschichte dazugehören – nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen Teilen Europas. Das lässt sich sehr trefflich belegen, da schon die niederländischen Maler des 17. Jahrhunderts Kirchweihfeste in ihren Bildern festgehalten haben. Im 19. Jahrhundert haben sich dann die Volksfeste herausgebildet – in der uns bekannteren Form. Dazu zählt z.B. das Münchner Oktoberfest. Es gibt natürlich noch weitere bekannte Traditionsveranstaltungen, die seit mehreren hundert Jahren existieren und einen hohen Stellenwert besitzen. Hier in Norddeutschland sind das z.B. der Bremer Freimarkt, der Oldenburger Kramermarkt oder der Vechtaer Stoppelmarkt.

Volkfeste haben aber nicht nur eine lange Tradition, sie gehören auch zu einer lebendigen, gegenwärtigen Volkskultur, die aber leider an einigen Stellen ein bisschen schwächelt. Zwar nicht unbedingt die großen Feste – den Vechtaer Stoppelmarkt wird es sicherlich auch noch in 100 Jahren geben, so gut wie der aufgestellt ist – aber die kleineren Veranstaltungen tun sich doch etwas schwerer. Sie klagen häufig über fehlende Besucher. Ganz bestimmt hilft es deshalb, dass man die deutsche Volkfestkultur ins öffentliche Bewusstsein rückt, indem man die deutschen Volkfeste zum immateriellen Kulturgut erklärt. Denn viele Schlösser, Kirchen oder Häuser würde es vielleicht heute auch nicht mehr geben, ständen sie nicht unter Denkmalschutz. Mit der Bewerbung betreiben wir damit sozusagen einen „Inwertsetzungsprozess“. Ich hoffe, dass dadurch die aktiven Träger der Volksfeste sich ihrer Haltung gegenüber den Volkfesten bewusst werden: Denn neben den Schaustellern selbst sind die Träger der Volksfeste vor allem die Besucher: Sie machen ein Volksfest erst zu einem Fest, weil es ja IHR Volksfest sein soll, es wird von IHNEN gefeiert. Der dritte Akteur, das sind die Kommunen, die Ausrichter. Nun ist es leider so, dass heute manche Kommunen Volksfeste umsiedeln, weil sie z.B. den Festplatz bebauen wollen oder aus organisatorischen Gründen das Volksfest von der Innenstadt an den Rand verlegen. Das kann zur Folge haben, dass sich eine solche Veranstaltung schwer tut, wieder auf die Füße zu kommen, wenn es vom angestammten Platz gerissen wird und nun woanders stattfinden soll. Zudem geht davon auch ein Signal aus, dass die Kommune möglicherweise nicht mehr so zu ihrem Volksfest steht. Das kann schwerwiegende Folgen haben! Alle drei Akteure sind also sehr wichtig, um ein Volksfest auch weiterhin am Leben zu erhalten. Wenn einer ausschert, kommt die Balance ins Wanken und dann ist es um die Zukunft eines Volksfests nicht ganz so gut bestellt.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen der deutschen Volksfestkultur ein, zum immateriellen Kulturgut ernannt zu werden?

Ich bin da sehr zuversichtlich. Nicht aufgrund meines Empfehlungsschreibens. Das Entscheidende ist der Widerhall in der Bevölkerung und in der politischen bzw. kulturpolitischen Öffentlichkeit. Sie müssen hinter einer solchen Bewerbung stehen. Und wer jetzt als Politiker den Delegiertentag der Schausteller in Papenburg miterlebt hat, der lässt sich natürlich von einer solchen Stimmung auch ein stückweit mitreißen und ihm wird deutlich, welche Bedeutung Schausteller und Volksfeste in unserer Gesellschaft haben. Volksfeste übernehmen in unserer modernen Gesellschaft wichtige Funktionen. Dort kommen Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten so leicht zusammen, wie nirgendwo sonst. Es sind alte Menschen und junge Menschen, Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern. Mit dem Verlust der Volksfeste würden wir eine ganz wichtige sozialintegrative Funktion in unserer Gesellschaft verlieren. Neben der kulturellen Dimension, die die Volkfeste haben, spielen auch soziale Aspekte eine wichtige Rolle. Und das ist, glaube ich, vielen Politikern infolge der Initiative des DSB bewusst geworden.

Sie beschäftigen sich schon seit über 15 Jahren mit den deutschen Volksfesten und dem Schaustellergewerbe. Was fasziniert Sie an der Forschung über die Schaustellerzunft?

Als Volkskundler habe ich natürlich ein generelles Interesse an Kulturgeschichte, an Traditionen und Bräuchen. Allerdings hat mich bereits im Studium vor allem die Populärkultur interessiert – und dazu zählen die Volkfeste. Nicht nur die Hochkultur, sondern eben auch die populäre Kultur ist ein wichtiges Kulturgut. Das Interesse an den Schaustellern und den Volkfesten ist zugleich ein Steckenpferd von mir, weil für mich von dieser bunten Weilt eine starke Faszination ausgeht.

Weil die Volkfestkultur fester Bestandteil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes ist und es auch nötig ist, das materielle Kulturerbe zu erhalten, sammeln wir hier, im Freilichtmuseum Cloppenburg, schon seit den 1980er Jahren Dinge aus der Schaustellerkultur. Wir haben zwei Karussells, eine Schiffschaukel, eine Schießbude und noch einige weitere Utensilien im Bestand. Inzwischen dokumentieren die Schausteller auch zum Teil selbst ihre Geschichte, das finde ich sehr erfreulich! 

Gehen Sie gerne auf Volkfeste, Herr Prof. Dr. Meiners? Wenn ja – warum?

Ich bin schon als kleiner Junge gerne auf Volksfeste gegangen. Mich haben die Schaustellerkultur und die Jahrmärkte schon immer begeistert. Für mich ist z.B. der Oldenburger Kramermarkt zugleich ein Identifikationsanker, ihn besuche ich jährlich mit meiner Familie. Als ich früher als Kind gefragt worden bin, „Na Uwe, was willst du denn mal werden?“, da war meine Antwort „Ich möchte gerne Auf- und Abspringer auf der Raupenbahn werden.“ Das fand ich ganz faszinierend, das war so elegant, wie die jungen Leute auf den fahrenden Wagenzug aufsprangen, das Geld kassierten und dann wieder herunter hüpften.

Mich begeisterte schon immer diese bunte Welt, mich interessierten aber auch die Menschen auf den Volkfesten und die Schausteller. Früher waren die Schausteller gerngesehene Exoten, die Abwechslung in das Alltagsleben der Menschen hineinbrachten. Sie wurden zwar von der Obrigkeit immer etwas skeptisch betrachtet, weil sie keinen festen Wohnsitz hatten und umher reisten. Aber die Bevölkerung in den Städten, in den Dörfern, sie sind begierig auf diese Menschen und ihre Darbietungen gewesen!

Ich sehe nicht zuletzt in der traditionellen Ausübung des Schaustellerberufes eine große Chance für die Schaustellerbranche. Die Qualität des Schaustellerberufs liegt darin, Menschen eine Freude zu machen. Traditionelle Schausteller sind nicht nur Verkäufer, sondern diejenigen, die das Rekommandieren verstehen, was schaustellereinzigartig ist. Die Kommunikation zwischen den Schaustellern und dem Publikum muss funktionieren. Nicht nur die Sache alleine, nicht nur das Karussell oder das Geschäft ist das Entscheidende, sondern die Kommunikation. Hierin liegt ein ganz wichtiges Stück Tradition und zudem eine große Chance. Da können Schausteller selbst sehr stark tätig werden.

Wo liegen die Unterschiede zwischen den Volkfesten heute und damals? Gibt es auch Dinge, die gleich geblieben sind?

Ein Unterschied ist sicherlich, dass die Schausteller dieses „exotische Moment“ verloren haben. Früher waren die Schausteller die Mobilen. Heute ist jeder mobil. Heute kann fast jeder – oft für sehr wenig Geld – überall hinfahren oder fliegen. Und deshalb kommt es auf die Menschen selbst an. Der Vechtaer Stoppelmarkt beispielsweise, er wird von den Menschen vor Ort getragen. Sie treffen sich schon eine Woche vorher und fangen an, den Vechtaer Stoppelmarkt einzuläuten. Die Menschen leben dieses Fest. Es ist sehr wichtig, dass sich die Bevölkerung in der Region mit ihrem Fest identifiziert. Menschen dürfen ein Volksfest nicht nur erleben wollen, sondern sollten es auch aktiv mitgestalten. Wenn man die Festausrichtung alleine den Schaustellern überlässt, geht die Bindung in die Bevölkerung verloren. Die Schausteller sind wie das Sahnehäubchen, das i-Tüpfelchen, sie bringen mit ihren Attraktionen das Entscheidende mit hinein. Und das ist auch ein Punkt, der gleich geblieben ist. Die Attraktionen brachten schon damals die Schausteller mit, das ist auch heute nicht anders. Außerdem haben schon Generationen vor uns Volkfeste besucht, um Spaß zu haben, Neues zu sehen, neue Attraktionen zu erleben. Die Volkfeste dürfen also nicht statisch bleiben, sondern müssen sich weiterentwickeln. Man muss richtigerweise aber auch fragen, ob „schneller, höher, weiter“ immer der richtige Weg ist. Dann überlässt man das Feld zu sehr dem Können der Schausteller. Die Menschen müssen ihr Fest tragen. Ganz wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die erlebte Gemeinsamkeit auf Volkfesten. Verordnen kann man sie nicht, aber die Menschen sollten sich bewusst sein, welche Freude ein Volksfestbesuch mit Nachbarn, mit den Kollegen aus dem Betrieb oder dem Verein machen kann. Erst wenn das Volksfest nicht mehr da wäre, würde man merken, dass man etwas Wunderbares verloren hätte.

Vielen herzlichen Dank, Herr Prof. Dr. Meiners, für das aufschlussreiche Gespräch.