Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Deutsche Volksfestkultur erfüllt alle Kriterien für die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe“

Volkskundler Dr. Michael H. Faber im DSB-Gespräch

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

Der Deutsche Schaustellerbund kämpft für die Anerkennung der gelebten deutschen Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe. Maßgeblichen Anteil für die Bewerbung bei der UNESCO-Kommission Ende November letzten Jahres hatte ein Empfehlungsschreiben des Volkskundlers Dr. Michael H. Faber (Foto). Im Gespräch mit dem DSB berichtet der Kirmesfan über sein Engagement für die Zukunft der Volksfeste.

 

Herr Dr. Faber, Sie haben mit Ihrem Empfehlungsschreiben den DSB bei der Bewerbung um die Anerkennung der deutschen Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe unterstützt. Welche Argumentation haben Sie in Ihrem Schreiben an die Kommission verfolgt?

Die deutsche Volksfestkultur erfüllt alle Kriterien für die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe. Sie ist historisch gewachsen, der überwiegende Teil der schaustellerisch bzw. vom Marktwesen geprägten Feste hat seine Wurzeln in den örtlichen Patronatsfesten des Mittelalters.

Andere Feste wurden in der Zeit der Aufklärung und der Frühromantik geschaffen. Noch heute sind Volksfeste Austragungsorte traditioneller Bräuche und Riten. Dass sich die „Performance“ der Feste unter Wahrung deren historischen Charakters wandelnden gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedürfnissen anpasst, bezeugt die Vitalität der Volksfestkultur und garantiert ihren Erfolg.

Volksfeste sind das Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit verschiedener Gemeinschaften, Vereinen und Einzelpersonen. Ortsbünde, Schützengesellschaften, Brauchvereine, früher oft auch Handwerkerzünfte und Kaufmannsgilden waren und sind vielerorts die Initiatoren und Ausrichter der Kirmessen, Jahrmärkte und Volksfeste. Zudem sind Volksfeste Orte der Begegnung. Sie stiften lokale Identität, sind dabei aber auch interkulturell geprägt und fördern somit Integration und Völkerverständigung. Beispiele sind das Deutsch-Amerikanische und das Deutsch-Französische Volksfest.

Ganz entscheidenden Beitrag zur lebendigen Volksfestkultur leisten natürlich die Schaustellerfamilien – nicht nur mit ihren historischen und modernen Geschäften, sondern auch mit integrativen Aktionen etwa für Heimkinder, Senioren und Menschen mit Handicap oder mit ihrer aktiven Mitgestaltung von Bräuchen.

Dies alles gilt es durch die Anerkennung durch die UNESCO zu schützen.

 

Wie hoch schätzen Sie die Chancen der deutschen Volksfestkultur ein, zum immateriellen Kulturgut ernannt zu werden?

Prinzipiell engagiere ich mich nur dann, wenn ich vom Erfolg meines Engagements überzeugt bin. So habe ich dem Wunsch des DSB gerne entsprochen, ein Gutachten für das Anerkennungsverfahren der Volksfeste zu verfassen. Die inzwischen immer breitere positive Resonanz in Politik und Öffentlichkeit auf das Streben nach Anerkennung der Volksfeste als immaterielles Kulturerbe fördert die Chancen.

 

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit den deutschen Volksfesten und dem Schaustellergewerbe. Was fasziniert Sie an der Forschung über die Schaustellerzunft?

Immer schon galt mein Interesse als Volkskundler/Kulturanthropologe mobil lebenden bzw. solchen Bevölkerungsgruppen, die zumindest bis noch vor nicht allzu langer Zeit von der Gesellschaft als etwas – ich drücke mich wertfrei aus – „Besonderes“ betrachtet wurden. Schon bei meinen ersten direkten Kontakten während meines Studiums mit Schaustellerfamilien, darunter viele so genannte „Komödianten“, die früher als Artisten, Puppenspieler oder mit Personentheater gereist sind, habe ich eine freundliche Aufnahme und große Offenheit erfahren. Insbesondere die Zeit meines Doktorats, in der ich als „Junger Mann zum Mitreisen“ tief in die Lebens- und Arbeitswelt von Schaustellerfamilien eindringen durfte, war für mich auch ein Stück völlig neuer Lebenserfahrung.

Was mich an den schaustellerisch geprägten Volksfesten und ihren Protagonisten, den Schaustellern, besonders fasziniert, ist der Wandel in der Kunst des Vergnügens und die Kunst, den Vergnügungswandel zu vollziehen.

 

Warum bereiten Volksfeste den Menschen Vergnügen?

Weil sie die Sinne ansprechen und herausfordern, weil der Rummel positiv berauscht. Weil sie vielleicht auch von Sorgen und Nöten ablenken können. Und weil sie unglaublich kommunikativ sind, Menschen unterschiedlicher soziokultureller Provenienz zusammenführen.

 

Welche Rolle spielen die Schausteller für die Volksfeste in Deutschland?

Die meisten Volksfeste sind von schaustellerischen Angeboten geprägt. Als bedrohlich empfinde ich den Rückgang von Kirmessen in kleineren Orten und in Stadtteilen. Aufgrund kommunaler baulicher Maßnahmen sind viele traditionelle Festplätze innerorts nicht mehr verfügbar oder zu klein geworden. Schausteller mit attraktiven Geschäften bleiben aus, dann das Publikum, und schließlich die Letzten, die die Plätze noch beschickt haben. Kritisch sehe ich auch die an kleineren Orten zunehmende Praxis, die Festplatzbestückung einem einzigen Schaustellerunternehmen zu übertragen. Ich beobachte in solchen Fällen oftmals deutliche Qualitätsverluste.

 

Wo liegen die Unterschiede zwischen den Volksfesten heute und damals? Gibt es auch Dinge, die gleich geblieben sind?

Gleich geblieben sind die oben schon umschriebenen Volksfest-Funktionen und Wirkungen – aber auch die unglaubliche Kreativität der Schausteller gemeinsam mit ihren Produzenten im Hintergrund, was den steten Wandel der Vergnügungsangebote betrifft. Ich persönlich beklage allerdings den Niedergang der Schaustellungen im eigentlichen Wortsinn, etwa all der Zur-Schau-Stellungen von Artistik und Akrobatik, Magie und Illusions-Darbietungen, deren wesentliches Element die direkte menschliche Performance vor und mit dem Publikum ist.

Interessant finde ich die Beharrung des Volksfest-Elements „Markt“ und gerade auch in den letzten Jahren die rasante Zunahme und flächenmäßige Ausweitung von Märkten in der Vorweihnachtszeit. Offenbar wollen auch die Menschen, die viele Güter des täglichen Bedarfs über das Internet beziehen, noch vor Ort schnuppern, stöbern, probieren. Apropos: Auffallend ist auch die Zunahme der kulturellen Vielfalt im gastronomischen Angebot: Gyros neben Bratwurst, in meiner rheinischen Heimat die belgischen und holländischen „Pommes Frites“ bzw. „Patates Frites“, die vegetarischen Angebote… Und dabei auch die Zunahme von Bio-Produkten.

Einen großen Unterschied zwischen früher und heute sehe ich in der „Festlichkeit“. Früher zog man sich fein an, wenn man auf die Kirmes ging; Fotopostkarten von Festplätzen der Jahrhundertwende zeigen das Bürgertum im Sonntagsstaat, das Mädchen im weißen Kleidchen mit weißen Söckchen, das Söhnchen im Matrosenanzug. Aber auch das Schaustellerpersonal war herausgeputzt.

Andererseits erleben wir vor allem bei den Festen im süddeutschen Raum eine Zunahme (modischer) Trachten quer durch alle Besucherschichten, und auch auf dem Rummel im Rheinland wird mehr und mehr Trachtenmode gesichtet – eine interessante Entwicklung!

 

Was verbinden Sie persönlich mit Volksfesten?

Die Lust auf Reibekuchen und Backfisch, die Augenweide gut gestalteter Attraktionen, die Freude auf Personal, das nicht in der Bude mit dem Handy rumzippt und das eine oder andere wirklich historische Fahrgeschäft. Am liebsten besuche ich historische Jahrmärkte, wenn sie denn gut gemacht sind. Deren Vorbild habe ich immerhin selbst vor mehr als 20 Jahren im LVR-Freilichtmuseum Kommern entwickelt.

 

Herr Dr. Faber, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Zur Person

Dr. Michael H. Faber studierte Volkskunde, Kunstgeschichte, Völkerkunde, Soziologie und Pädagogik in Bonn. 1979 wurde er an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn mit der Dissertation „Schausteller. Volkskundliche Untersuchung einer reisenden Berufsgruppe im Köln-Bonner Raum“ promoviert. Faber ist stellvertretender Direktor des LVR-Freilichtmuseums Kommern – Rheinischen Landesmuseums für Volkskunde.