Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




„Bildung ist immer wichtig – für jeden Menschen!“

Andreas Horlbeck ist seit fast 10 Jahren Bundesfachberater für Bildung im Deutschen Schaustellerbund. Im Interview erklärt er, warum ein erfolgreicher schulischer Werdegang für den Schaustellernachwuchs immer wichtiger wird, was die Bildungsinitiativen für Schaustellerkinder und -jugendliche so einzigartig macht und wo er noch Handlungsbedarf sieht.

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

1. Die meisten Schaustellerkinder werden schon frühzeitig in den familiären Betrieb eingebunden und haben den Wunsch den Betrieb einmal zu übernehmen. Warum ist Bildung heutzutage auch für Schausteller enorm wichtig?

Die Kinder werden im elterlichen Betrieb groß. Man kann sagen, die Lehre zum Schausteller fängt schon früh an – und zwar ohne Zeugnisse oder einen Schulabschluss. Weil das viele Reisen und die damit verbundenen Schulwechsel zusätzlich eine Herausforderung für die Schaustellerkinder und -jugendlichen darstellen, kann es schon sein, dass die Themen Schulabschluss und Bildung manchmal etwas ins Hintertreffen geraten. Nichtsdestotrotz ist Schule auch sehr wichtig für die Schaustellerkinder! Und dieses Bewusstsein ist auch bei den Eltern gestiegen! Allein dafür, den Beruf besser auszuüben, ist es nötig, die Schule so regelmäßig wie möglich zu besuchen und so gut wie möglich abzuschließen – da gehört ein guter Schulabschluss unbedingt dazu. Der Konkurrenzdruck auf den Märkten heute ist groß, kleine Volksfeste sind vom Aussterben bedroht, auf den großen Volkfesten kommen wir nicht alle unter und so macht sich der eine oder andere schon Gedanken, was aus der Zukunft der Kinder wird.

Außerdem ist es ein Unterschied für das eigene Selbstbewusstsein, ob man einen Schulabschluss hat oder nicht. Gerade wir Schausteller üben unseren Beruf ja schon frühzeitig aus, stehen mit beiden Beinen fest im Wirtschaftsleben – da gehört ein Schulabschluss einfach dazu. Bildung ist immer wichtig, für jeden Menschen! Je mehr wir können, je mehr wir wissen, desto mehr können wir aus unserem Beruf machen.

2. Als Bundesfachberater für Bildung haben Sie einen guten Überblick über sämtliche Initiativen, die die Schaustellerkinder und -jugendlichen in ihrer Bildung unterstützen und fördern (Bereichslehrkräfte, Bekosch, LARS…). Was ist für Sie das Entscheidende bei diesen Bildungsprojekten? Was müssen sie leisten?

Die Projekte sind für die Schaustellerkinder und -jugendlichen maßgeschneidert und gehen auf ihre besonderen Bedürfnisse ein. So müssen die Projekte zeitlich und räumlich große Flexibilität bieten. Die BeKoSch-Kurse ermöglichen es den Jugendlichen zum Beispiel, ihrer Berufsschulpflicht nachzukommen, indem sie kompakte Kurse im Januar und Februar anbieten, wenn die Weihnachtsmarktsaison vorbei ist und die Volksfestsaison noch nicht begonnen hat. In den BeKoSch-Kursen lernen die Jugendlichen außerdem wichtige schaustellerspezifische Fähigkeiten, wie Buchhaltung, Schweißen oder Platzanfragen zu schreiben. Somit bieten die BeKoSch-Kurse in gewisser Weise auch ein Art Ersatz für den fehlenden Ausbildungsberuf „Schausteller“.

Die Bereichslehrkräfte sind vor allem deshalb wichtig, weil sie eine zentrale Bezugsperson, einen festen Ansprechpartner für die Schaustellerkinder und -jugendlichen darstellen. Ohne die Bereichslehrkräfte geht gar nichts. Sie sind die Stützpfeiler des ganzen Schulsystems für die Kinder beruflich Reisender. Sie begleiten die BeKoSch-Lehrgänge, kümmern sich um das LARS-Projekt (das neue Fernlern-System) und helfen Eltern und Schulen bei der Anmeldung. Die Bereichslehrkräfte helfen den Lehrern das Schultagebuch zu führen, was ja ein sehr wichtiges Instrument ist. Hinter all diesen Aufgaben steht eine Bereichslehrkraft. Dieses System funktioniert an den Bildungsstandorten in Nordrhein-Westfalen oder Neumünster in Schleswig Holstein sehr gut. Es ist aber nach wie vor problematisch, dass es in einigen Bundesländern, wie z.B. Mecklenburg-Vorpommern, gar keine Bereichslehrkräfte gibt, oder wo den Lehrkräften nur wenige Stunden in der Woche zur Verfügung stehen wie z.B. in Niedersachsen. Dort können die Bereichslehrkräfte keine Hausbesuche machen oder Förderunterricht geben, sodass sich die Unterstützung beschränkt hier im Wesentlichen auf die telefonische Beratung beschränkt.

3. Was hat der DSB bis jetzt mit seinem Engagement erreicht?

Wir haben wir den Zugang zur Politik gesucht, zu den Kultusministerien und haben auf allen Ebenen erfolgreich viele intensive Gespräche geführt, damit auch dort das Verständnis für die Belange der Kinder beruflich Reisender steigt. Der ständige Dialog mit der Politik ist die Basis unserer Arbeit, die Bildung von Schaustellerkindern zu verbessern. Mit dem DSB-Bildungswerk, mit Berid oder ett-edu gibt es heute Einrichtungen und Initiativen, die sich klar für die Bildung der Schaustellerkinder und -jugendlichen einsetzen.

Wir Schausteller sind uns heute stärker bewusst, dass Bildung für unseren Berufsstand ein ganz zentraler Punkt ist. An dieser Stelle muss ich auch ein großes Lob an alle Schaustellermütter aussprechen, die sehr viel dafür tun, dass ihre Kinder zur Schule gehen und ihre Hausaufgaben erledigen!

4. Wo gibt es Ihrer Meinung noch Handlungsbedarf in der Zukunft? Welche Ziele liegen Ihnen besonders am Herzen?

Bei der Bildung gibt es immer Handlungsbedarf! Auch wir, die wir uns für die Bildung engagieren, lernen nie aus! Bedarf gibt es immer bei den Bereichslehrkräften, das liegt mir besonders am Herzen. Die Anzahl an BeKoSch-Standorten muss bedarfsgerecht ausgeweitet werden, denn bis jetzt gibt es Kurse nur in Herne, Neumünster und Nidda. Langfristiges Ziel sollte sein, dass der Schaustellerberuf als Ausbildungsberuf anerkannt wird. Das Schaustellergewerbe erfordert vielerlei Kompetenzen und Fähigkeiten – es wäre dem Berufsstand nur angemessen, als Ausbildungsberuf anerkannt zu werden. Dadurch würden diese Kompetenzen nicht nur gewürdigt, sondern auch gefördert und ausgebaut werden.

DSB – Bildung macht stark!

Bildung ist das Kapital der Zukunft – das hat der DSB schon seit Jahren erkannt und Bildung zu einem seiner Kernthemen gemacht. In Fachgruppensitzungen, auf Delegiertentagen und Hauptvorstandssitzungen bringt der DSB das Thema Bildung regelmäßig auf die Agenda und hat dafür mit Bundesfachberater Andreas Horlbeck einen kompetenten festen Ansprechpartner. Mit Vorträgen und Workshops bieten wir unseren Jugendlichen Perspektiven! Beste Beispiele hierfür sind der Workshop für junge Existenzgründer auf dem Delegiertentag in Osnabrück oder die gemeinsame Fahrt mit dem AK Zukunft zum Marketingvortrag in den Europapark nach Rust.