Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




Bildung: Interview mit Schaustellerin Danielle Schneider

"Alles, was ich während des Abiturs lerne, werde ich in meinem zukünftigen Alltag mal gebrauchen können." Der DSB hat mit der jungen Schaustellerin Danielle Schneider gesprochen, die derzeit am Westfalen Berufskolleg in Dortmund ihr Abitur anstrebt.

Pirates Adventure der Familie Schneider

Die meisten Schaustellerkinder werden schon frühzeitig in den familiären Betrieb eingebunden und haben den Wunsch, den Betrieb einmal zu übernehmen. Wie ist das bei Ihnen? Wie lange arbeiten Sie schon im elterlichen Betrieb mit?

Da unser Betrieb, wie viele andere Betriebe, ein Familienbetrieb ist, ist es für mich und den Rest der Familie eine Selbstverständlichkeit, da einzuspringen wo gerade „Not am Mann“ ist. Somit habe ich schon früh im elterlichen Betrieb mit geholfen, falls dies erforderlich war.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, das Abitur zu machen? Welche  Beweggründe haben Sie? Und was möchten Sie mit dem Abitur erreichen?

Als ich damals mit 16 meine Mittlere Reife erreicht habe, war ich mir nicht sicher, ob ich gleich in den Betrieb meiner Eltern mit einsteigen wollte. Deshalb suchte ich mit meinen Bereichslehrern Frau Bobsin und Herrn Degener nach einer Lösung für mein Problem. Ich fühlte mich noch zu jung, um schon komplett mit der Schule aufzuhören, wollte aber auch nicht das ganze Jahr über getrennt von meiner Familie sein, um mein Abitur oder eine Ausbildung fest zu machen. Ich hatte meinen Onkel und meine Cousinen immer als Vorbild, die Zuhause ihr Abi meisterten und dann anfingen, sich ein Leben privat aufzubauen und bis heute mit dieser Entscheidung glücklich leben. Ob dies die Entscheidung wäre, die ich auch treffen würde, weiß ich nicht. Jedoch finde ich, dass auch in unserem Beruf eine Weiterbildung in vielen Bereichen sehr hilfreich sein kann und eigentlich auch mittlerweile manchmal benötigt wird. Für mich selbst war es einfach wichtig, dass ich mir nach meinem Schulabschluss alle Türen offen halte, eben weil ich immer so unentschlossen war, was meine Zukunft angeht. Ich wollte nie etwas versäumen oder bereuen und deshalb ist der Weg, den ich letzten Endes eingeschlagen habe auch die Beste Lösung für meine Situation gewesen.

In Schaustellerkreisen findet sich manchmal das Vorurteil, die Jugendlichen bräuchten keine weitere Bildung, weil die Schaustellerei ihnen im Blut läge und sie alles Notwendige von klein auf im elterlichen Betrieb erlenen würden. Was sagen Sie Freunden und Kollegen, die Ihnen mit solchen Äußerungen begegnen?

Es ist schon richtig, dass es keine Schule gibt, die einem die notwendigen Voraussetzungen beibringt, die man als Schausteller braucht. Ich bin aber kein Mensch, der sich einfach mit dem Notwendigen zufrieden gibt. Ich möchte für mich persönlich möglichst viel erreichen und, wie schon gesagt, nie bereuen, eine Chance verpasst oder versäumt zu haben. Ich denke, dass man mit einer Weiterbildung einfach viel mehr Möglichkeiten hat, nicht nur im Privatleben sondern auch bei uns, denn es ist auch so, dass sich die Technik weiterentwickelt und Geschäftsmodelle moderner werden, warum sollte man dann auf einem alten Standpunkt stehen bleiben? Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen.

Immer montags besuchen Sie das Berufskolleg in Dortmund, um sich dort auf Ihr Abitur vorzubereiten. Wie ist das Programm dort aufgebaut, wie sieht Ihr Schultag aus?

Ich besuche das Westfalen Berufskolleg in Dortmund jeden zweiten Montag. Die restlichen Tage arbeite ich selbstständig auf einer Internetplattform, die wie ein Klassenzimmer aufgebaut ist. Es gibt verschiedene Kursräume, in denen meine Lehrer Aufgaben für mich einstellen können und diese zählen dann meist als Übungsmaterial für die bevorstehenden Klausuren, die an den Präsenzmontagen stattfinden. An diesen Montagen habe ich dann von zehn bis neunzehn Uhr Unterricht, in dem ich dann neben den Klausuren auch Dinge bespreche, die nicht selbstständig oder übers Internet zu erlernen sind. Außerdem sind die Lehrer rund um die Uhr erreichbar und ich kann mich bei Probleme oder Missverständnissen immer melden. Zu Beginn des Abis bestand unser Kurs aus vier Mädchen, das waren drei Artisten und ich. Mittlerweile bin ich die Einzige, die noch übrig geblieben ist und somit kann man meinen momentanen Unterricht eigentlich als Einzelunterricht sehen. Mein Jahrgang war aber wiederum auch der einzige Jahrgang, in dem so viele abgesprungen sind. Alle Kurse vor mir blieben vollständig und erreichten ihr Abitur gemeinsam.

Die restliche Woche arbeiten Sie im elterlichen Betrieb mit. Welche Herausforderungen müssen Sie meistern, wenn Sie Arbeit, Reisen und Abitur unter einen Hut bringen wollen?

Da ich schon seit der ersten Klasse unterwegs zur Schule gehe, habe ich kein Problem damit, die Arbeit und mein Abitur unter einen Hut zu bekommen. Ich wusste schon immer, wie ich meine Zeit einteilen muss, um möglichst nichts zu vernachlässigen. Die Anreisen nach Dortmund sind da schon eher ein schwierig, aber auch die sind zum Glück nicht immer so weit.

Bleibt da überhaupt noch Freizeit – für Hobbies, Freunde etc.?

Ich könnte nicht sagen, dass meine Freizeit je von dem Abitur eingeschränkt wurde, ganz im Gegenteil: Dadurch, dass ich nur an gewissen Tagen in der Schule anwesend sein muss, habe ich viel mehr Freizeit als andere, die auf normalen Weg ihr Abitur machen. Wie ich meine Aufgaben einteile für Zuhause ist mir selbst überlassen. Das heißt, wenn ich meine Aufgaben möglichst schnell hintereinander mache, habe ich auch noch ein paar Tage ganz ohne Aufgaben, die ich dann möglichst passend für mich lege.

Lernen Sie bei Ihren Abiturvorbereitungen bereits Dinge, die Sie auch im Schaustelleralltag anwenden können? Welche?

Alles, was ich während des Abiturs lerne, werde ich in meinem zukünftigen Alltag mal gebrauchen können. Meine Lehrer versuchen den Unterricht auch möglichst so aufzubauen, dass ich etwas für unseren Betrieb daraus mitnehmen kann. Da könnte es dann schon einmal dazu kommen, dass Mathestunden nur am Laptop stattfinden, um mit dem Programm Excel vertraut zu werden, oder Volkswirtschaftsstunden sich nur um das Thema Mindestlohn und Dokumentationspflicht drehen.

Ihre Eltern sind sicherlich stolz darauf, dass Sie neben dem Schaustellerberuf auch noch das Abitur anstreben. Wie reagieren Ihre Freunde auf Ihre Ambitionen, das Abitur zu machen?

Meine Familie ist mir immer eine große Hilfe. Schule war für meine Eltern schon immer ein sehr ernstes Thema und meine Mutter war zusammen mit meinen Bereichslehrern immer sehr bemüht, dass meine Brüder und ich nicht den Anschluss zur Stammschule verlieren. Ich denke, dass sie das ganz gut hinbekommen haben und deshalb auch stolz sein können nicht nur auf mich und meine Brüder, sondern auch auf sich selbst. Auch die meisten meiner Freunde haben Verständnis für mich und für das was ich mache, ob andere das für gut oder schlecht halten spielt in diesem Fall keine Rolle.

Würden Sie auch anderen Jungschaustellern raten, das Abitur zu machen?

Ich würde es jedem raten, nach der Schule noch etwas anzustreben und sich weiterzubilden. Auf welchem Weg dies stattfinden soll, muss jeder für sich entscheiden, da die Umstände ja doch bei jedem anders sind. Wenn jemand genauso wie ich sagt, dass es Zuhause niemanden gibt, bei dem man über die Zeit bleiben kann oder man einfach die Zeit nicht ohne die Familie verbringen möchte ist dieses „Online Abitur für Beruflich Reisende“ die beste Lösung. Es ist sicherlich eine Zeit, in der man ab und zu an seine Grenzen stößt und sich oftmals auch wirklich dazu zwingen muss, sich an den Laptop zu setzten, um etwas zu tun und auch die Anreisen sind gerade bei mir, da wir überregional reisen, nicht immer lustig. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, nehme ich jetzt schon, ohne mein Abitur zu haben, sehr viel aus den letzten zwei Jahren mit. Als ich mich damals für das Abitur beworben  habe, hätte ich mir gewünscht jemanden um Rat bitten zu können, der das Abitur schon auf diesem Weg gemacht hat. Die damaligen Abiturienten waren aber alle Artisten, die ich nicht kannte, somit wusste ich also überhaupt nicht, was mich erwartet und ich hatte Angst, ob ich überhaupt mit dem Unterricht und der Schule klarkommen werde. Deshalb kann ich nur jedem anbieten, der an diesem besonderen Unterricht interessiert ist, mich einfach anzuschreiben oder anzurufen falls es Fragen gibt, denn ich weiß, dass mir das einige Ängste damals erspart hätte.

Liebe Danielle Schneider, vielen Dank für das Interview!

Wer Fragen an Danielle Schneider hat, kann sich in der DSB-Hauptgeschäftsstelle melden: mail@dsbev.de. Wir leiten alle Fragen weiter.