Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




"BeKoSch ist eine berufliche Bildungsform, die sich immer wieder neu erfindet."

Eine gute und solide berufliche Aus- und Weiterbildung ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Bildung dient der Absicherung des Berufsstandes und schafft Perspektiven für die individuelle Entwicklung der Schaustellerjugend. Der Deutsche Schaustellerbund sieht in der Förderung von Bildungsangeboten eine der Hauptaufgaben seiner Verbandsarbeit. Die besondere Situation "auf der Reise" erfordert eine enge Kooperation mit Bildungseinrichtungen, Verbänden und politischen Entscheidungsträgern.

Mathias Michl, Ausbildungsleiter an der Berufsschule Nidda, gibt im Interview Antworten auf unsere Fragen zum Programm "BeKoSch – Berufliche Kompetenzen für Schausteller", einem seit vielen Jahren erfolgreich laufenden Schulprojekt in Kooperation mit den Berufsverbänden an den Standorten Herne, Nidda und Neumünster.

Was ist BeKoSch, welche Vorteile bringt den Schaustellerjugendlichen eine Ausbildung über das Projekt? Was lernen sie und was müssen sie dafür tun?

Mathias Michl: BeKoSch stellt ein alternatives Berufsschulangebot für beruflich Reisende, vornehmlich Schausteller dar, ihrer Berufsschulpflicht nachzukommen. BeKoSch ist modular und findet im Januar und Februar für insgesamt 4 Wochen in den Berufsschulen Nidda, Herne oder Neumünster statt. In den Monaten März bis Dezember, der Reisezeit, wird ein Fernlernen angeboten. Die Vorteile für die Jugendlichen sind neben ortsunabhängiger Schule auch die vielen Zertifikate, die für den Berufsstand notwendig sind. Als Beispiel genannt sind der Flüssiggas-, Hygiene-, EUP- und Arbeitssicherheits-/ Brandschutzschein. Die Jugendlichen werden technisch ausgebildet und kaufmännisch auf einen guten Stand gebracht.

Sie haben einen speziellen Kurs zur Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Programm. Was genau hat es damit auf sich?

Mathias Michl: Eine Ausbildung und einen Abschluss in einem Beruf abzulegen hat in Deutschland nicht nur Tradition, sondern ist für viele Berufe und Branchen Pflicht. Für Schausteller trifft weder das eine noch das andere zu. Den Beruf des Schaustellers gibt es formal nicht. Zum Schausteller fühlt man sich "berufen". Die Situation im Schaustellergewerbe hat sich aber verändert. Sowohl die Anzahl der externen Mitbewerber, als auch die Zahl der mit z.B. Caterern beschickten Straßen-, Stadtteil- oder auch Betriebsfeste sind gestiegen. Schausteller sehen sich daher zunehmend einer gut ausgebildeten Konkurrenz gegenüber. Dieser Entwicklung möchten wir Rechnung tragen und auf einfachem Wege Schausteller im Bereich der Betriebswirtschaft nachqualifizieren. Die Schnittmenge fiel auf die Einzelhandelskaufmannsausbildung der IHK. Hier sind nahezu alle Branchen der auf dem Platz vertretenen Schaustellerbetriebe repräsentiert. Die Erfahrung, die wir in der Einzelhandelskaufmannsausbildung bei Schaustellern seit 3 Jahren machen konnten ist, dass die Bereitschaft zur beruflichen Qualifizierung da ist. Die Ergebnisse, die Schausteller in den bisherigen Prüfungen zeigten, sind hervorragend. Was nun noch fehlt ist eine Evaluation der Alltagsverwendung der Ausbildung in den Betriebsalltag. Was hat sich mit der Ausbildung in ihrem Betrieb und auch bei den Schaustellern selbst verändert? Damit werden wir in diesem Jahr beginnen und hoffen auf ein Ergebnis, das weitere Schausteller überzeugt.

Gibt es darüber hinaus neue Entwicklungen im Bereich der beruflichen Bildung für Schaustellerjugendliche?

Mathias Michl: BeKoSch ist eine berufliche Bildungsform, die sich immer wieder neu erfindet. Wir nehmen neue, aktuelle Themen in die Kurse auf und ersetzen somit Themen die weniger Relevanz bieten. Zum Beispiel nahmen wir jeweils für ein Jahr die Lasertechnik mit auf oder setzen den Schwerpunkt auf das Thema Mindestlohn, Arbeitszeitgesetz, Dokumentation. Grundlegende Veränderungen vollziehen wir momentan, um auch für jüngere Jugendliche ein Ausbildungsangebot im BeKoSch anbieten zu können, da die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann erst ab 18, eher 19 Jahren beginnt und die Verkäuferausbildung bereits im Alter von 16 Jahren startet. Deshalb werden in den BeKoSch-Kursen ab 2018 kaufmännische Inhalte nach dem Lernfeldkonzept der Verkäuferprüfung angeboten. Schaustellerjugendliche haben dann die Möglichkeit, sich am Ende der zwei Jahre BeKoSch, dies ist in der Regel mit 18 Jahren, zur IHK-Prüfung zum Verkäufer anzumelden. Voraussetzung ist jedoch auch hier die Zulassung durch die IHK. In der Neuerung sehen wir für beide Seiten (Schausteller und Berufsschule als Partner) die sogenannte Win-win-Situation. Der Verkäufer (IHK) stellt eine vollständige Ausbildung innerhalb von zwei Jahren dar. Da er sich auf der gleichen Ausbildungsstrecke wie der Einzelhandelskaufmann (IHK) befindet, kann der Schausteller dann später mit den erforderlichen beruflichen Arbeitsnachweisen hierzu an nur einem Prüfungstag aufstocken.

Reichen Angebote wie BeKoSch aus, um alle reisenden Jugendlichen zu erreichen?

Mathias Michl: Jugendliche haben schon heute die Möglichkeit auszuwählen, was sie erlernen möchten, auf welchem Weg und mit welchem Zeitmanagement. BeKoSch ist ein besonders gutes Angebot, weil es speziell für beruflich Reisende entwickelt wurde. Hintergrund war, möglichst einfach berufliche Bildung wahrnehmen zu können und der Berufsschulpflicht zu genügen. Daher sind wir auf alle reisende Jugendliche vorbereitet.

Erleben Sie bei Ihrer täglichen Arbeit Schwierigkeiten oder besondere Herausforderungen, die es zu überwinden gilt?

Mathias Michl: Mittlerweile gilt BeKoSch als Inbegriff der beruflichen Bildung für Schausteller. Ein Resultat unserer Arbeitshaltung, Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen zu sein. Für die Zukunft liegt es mir zudem am Herzen, dass wir es mit BeKoSch schaffen, alle jungen Schausteller und auch deren Eltern davon zu überzeugen, dass es nicht nur wichtig ist, im Betrieb, sondern auch inder Schule ranzuklotzen.

Sie sind nun schon seit 19 Jahren Ausbildungsleiter im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums für berufliche Bildung beruflich Reisender. Was hat sich in dieser Zeit Ihrer Ansicht nach verändert?

Mathias Michl: Eine Veränderung die mir sofort einfällt: Bildung ist noch wichtiger und präsenter bei Schaustellern geworden, seit es BeKoSch gibt. Durch die Angebote in den BeKoSch-Kursen stellen wir fest, dass zunehmend Workshops auch seitens der Verbände und von einzelnen Gruppen organisiert werden. Jüngstes Beispiel ist eine neu gegründete, jugendliche Vereinigung in Rheinland-Pfalz. Diese Gruppe, deren Mitglieder eher schaustellertypische Bildungswege durchlaufen haben, wirbt unter anderem auch für Bildung mit "für den Berufsstand wichtigen Weiterbildungskursen". Das finde ich bemerkenswert und ich schätze solche Initiativen sehr. Bei BeKoSch sind wir als bundeslandübergreifende Institution wahrzunehmen. Wir haben ein eigenständiges Profil und bieten eine Professionalisierung für Schaustellerjugendliche an. Im Gegensatz zur Anfangszeit gibt es nur noch wenige Schausteller, die mit dem Begriff BeKoSch nichts anfangen können.

Gibt es Wünsche, die Sie Schaustellern und deren Kindern gerne an die Hand geben möchten?

Mathias Michl: Ich würde mir wünschen, dass die Aufgeschlossenheit gegenüber der privaten Welt wächst. Damit würden auch wir in der beruflichen Bildung als professioneller Partner stärker wahrgenommen werden. Denn der Wind um den Festplatz wird immer rauer, außerhalb entstehen neue Feste, auf denen keine Schausteller sind und das bedauere ich sehr. Das Bewahren der Tradition ist ein hohes Gut, das ich sehr schätze und achte. Mein Wunsch wäre daher, die Tradition noch stärker mit beruflicher Bildung zu verbinden, mit der dann ja auch eine zusätzliche Professionalisierung einhergeht. Daher mein Appell an die Eltern, Großeltern und Kinder, nutzt die unglaublich große Vielfalt und die Chancen, die wir hier in Deutschland an Bildung und besonders auch beruflicher Bildung bieten. Für Schausteller wird seit Jahren immer mehr Geld einzelner Bundesländer in die Hand genommen, um der Lebenssituation im Lehr- und Lernprozess gerecht zu werden. Das ist ein Privileg, eine Besonderheit als Nachteilsausgleich für die beruflichen Umstände auf der Reise.

Lieber Herr Michl, vielen Dank für das Interview!