Deutscher Schaustellerbund e.V.

die Berufsspitzenorganisation für das Schaustellergewerbe




"Bei uns in der Bildung ist es genauso, wie in den Geschäften auf der Kirmes. Trifft das Angebot den Geschmack der Kunden, dann läuft es."

Interview mit Mathias Michl, als Ausbildungsleiter an der Berufsschule Nidda zuständig für das Programm "BeKoSch – Berufliche Kompetenzen für Schausteller".

© Deutscher Schaustellerbund e.V.

 

1. Herr Michl, Was genau machen Sie an der Berufsschule in Nidda?

Die Berufsschule in Nidda ist seit Januar 1999 Bildungsstandort für die bundesweite berufliche Bildung für beruflich Reisende. Seit dieser Zeit wird das Bildungsangebot für beruflich Reisende den Bedürfnissen der Schaustellerjugendlichen einerseits und dem sich entwickelnden Fortschritt andererseits angepasst. Hierfür bin ich seit 1999 im Auftrag des Hessischen Kultusministeriums für die bundesweite Bildung zuständig.

 

2. Erzählen Sie bitte etwas über das Projekt BeKoSch (Berufliche Kompetenzen für Schausteller). Was genau bietet BeKoSch?

BeKoSch ist ein alternatives Berufsschulangebot zur Erfüllung der Berufsschulpflicht, mit der Akzeptanz und Anerkennung durch alle 16 Bundesländer. Mittlerweile können neben diversen Zertifikaten (z.B. Flüssiggasschein) rund um die Schaustellerei, auch Abschlüsse nachgeholt werden. Der externe Hauptschulabschluss und der externe Ausbildungsberuf Einzelhandelskaufmann (IHK) sind Angebote, die mit BeKoSch möglich sind.

 

3. Sie haben einen speziellen Kurs zur Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann im Programm. Was genau hat es damit auf sich?

Eine Ausbildung findet in Deutschland im dualen System, zwischen den Bildungspartnern Schule und Betrieb statt. Schaustellern ist aufgrund der beruflichen Reisetätigkeit ein Bildungsgang in Form eines Ausbildungsberufs erschwert. Dies betrifft Frauen und Männer gleichermaßen. Hier versuchen wir nun mit dem externen Ausbildungsberuf im Rahmen von BeKoSch, unsere langjährigen Erfahrungen mit beruflicher Bildungsverantwortung bei beruflich Reisenden einzusetzen und Schaustellern den Wunsch nach einem Berufsabschluss zu ermöglichen.

Sie werden sich fragen, warum denn der Ausbildungsberuf zum Einzelhandelskaufmann/-kauffrau (IHK) angeboten wird. Nun, in Beratungen mit der IHK hat sich diese Ausbildung als ideale Schnittmenge der meisten Tätigkeiten aus der Vielfältigkeit schaustellerischen Unternehmertums dargestellt. Selbst in Geschäften, wo nicht der direkte Bezug zum Einzelhandel zu erkennen ist, wie bei fliegenden Bauten, erkennt man bei genauer Betrachtung Elemente des Einzelhandels.

 

4. Was bringt Schaustellerjugendlichen eine solche Ausbildung? Was lernen sie und was müssen sie dafür tun?

Bildung ist ein immaterielles Gut das ich nicht sehen kann. Die Frage nach dem „Bringen“ ist hierbei nicht so einfach zu beantworten, wie die Frage: „Was bringt mir eine Currywurst wenn ich Hunger habe?“ Ich sehe eine Ausbildung als eine Verantwortung sich selbst und seiner Zukunft gegenüber und bei Schaustellern im speziellen als Verantwortung gegenüber der Gesamtgemeinschaft der auf einem Platz betreibenden Schausteller. Eine Ausbildung schafft Möglichkeiten für einen selbst, für den Betrieb und gibt Zukunftssicherheit. Einfach gesagt ist eine Ausbildung nichts anderes als die Bestätigung einer kaufmännischen Kenntnis, die jeder Unternehmer und Selbständige haben muss.

Der Einzelhandelskaufmann (IHK) beinhaltet die großen Themengebiete: Verkauf und Marketing, Warenwirtschaft und Rechnungswesen, Wirtschaftskunde sowie die Geschäftsprozesse im Einzelhandel. Bei Letzterem geht es um Qualitätssicherung, Kernprozesse und unterstützende Prozesse des Handels, sowie um das Controlling.

Wer einen Ausbildungsberuf im Einzelhandel anstrebt muss grundlegend wissen, dass nicht wir als Schule die Prüfung erstellen, sondern die IHK. Die jugendlichen Schausteller haben Präsenzunterricht im Rahmen von BeKoSch und erhalten Lernmaterial für die Reise. Hierfür sind der Wille und die selbständige Motivation zum Lernen mit dem Arbeitsbuch, z.B. im Kassenhäuschen, eine wichtige Voraussetzung. Weiterhin müssen 4 Wochen Blockunterricht im Jahr erfüllt werden.

Auf den Punkt gebracht: Die Schausteller haben dann eine abgeschlossene Ausbildung in einem anerkannten Beruf der Industrie und Handelskammer (IHK).

 

5. Reichen Angebote wie BeKoSch aus, um alle reisenden Jugendlichen zu erreichen?

Die Bildungslandschaft in Deutschland ist breit gefächert. BeKoSch stellt hier ein Angebot von mehreren Bildungsangeboten dar. Es gibt freie Träger die berufliche Bildung offerieren und die Schausteller nachfragen können. Wir sind eine staatliche Bildungseinrichtung, die sich den Schwerpunkt berufliche Bildung beruflich Reisender gesetzt hat.

Aber in der Tat, wir hätten kurzfristige Versorgungsprobleme, wenn sich alle Schaustellerjugendlichen bei uns anmelden würden, die sich auch anmelden müssten. Hier haben aber die unteren Schulaufsichten und die abgebenden Schulen ihre Hausaufgaben nicht gut gemacht. Denn wir erlangen Kenntnis von vielen Jugendlichen, die zur Schule gehen müssten, aber nicht gehen. Im schlimmsten Fall sind es genau diese Jugendlichen, die aber statt BeKoSch zu besuchen, lieber mit ihrem unzureichenden Wissen prahlen. Die Aufgabe von BeKoSch ist es aber nicht diese Unbelehrbaren auf ihre Verpflichtung hinzuweisen. Da muss die Erkenntnis schon bei den Personen selbst, bzw. bei den Eltern erfolgen.

Das bestehende Angebot von BeKosch reicht momentan aus, da an den Kernschulen in Nidda und Herne genügend Ausbaupotential vorhanden ist. In Nidda haben wir in diesem Jahr erstmals zwei parallele Klassen aufgelegt und könnten dies noch erweitern. Das Berufskolleg Herne ist ähnlich flexibel.

 

6. Erleben Sie bei Ihrer täglichen Arbeit Schwierigkeiten oder besondere Herausforderungen, die es zu überwinden gilt?

Schwierigkeiten und Herausforderungen stellen sich überall dort ein, wo das Normale verlassen wird und Vorurteile bestehen. BeKoSch ist solch eine „Unnormalität“ und wir sind in vielen Tätigkeitsfeldern Herausforderungen ausgesetzt, uns zu erklären und zu definieren. Mittlerweile gilt BeKoSch jedoch als Inbegriff der beruflichen Bildung für Schausteller und das ist das Resultat, Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen zu sein. Persönlich traurig ist für mich, und dies konnte man schon in der Frage vorher erkennen, dass wir es noch nicht zufriedenstellend schaffen, Jugendlichen einen Sinneswandel für Bildung zu geben. Junge Menschen, die im Betrieb ranklotzen können, aber Probleme beim Rechnen und Schreiben haben und dies auch noch toll finden, das ist schade zu sehen. Eltern die mich fragen, warum ein anderes Kind nicht zur Schule muss, das eigene aber schon, machen mich wütend. Dann frage ich direkt: Welcher Betrieb ist es wert, am Leben gehalten zu werden, wenn er ohne die jugendliche Kraft nicht bestehen kann. Dieses Problem geben die Eltern wissend um die Lage, an die Kinder weiter.

 

7. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept für die Ausbildung beruflich Reisender?

Für die Ausbildung haben wir viele Anfragen, die schon jetzt für Kurse bis ins Jahr 2017 reichen. Hierin erkenne ich, dass wir mit dem Ausbildungsberuf einiges richtig gemacht haben. Ein Erfolgsrezept gibt es selten, in diesem Fall auch nicht, aber aus der Stagnation zum damaligen Dauerthema Ausbildungsberuf „Schausteller“, hat sich zur richtigen Zeit etwas entwickelt, was auf Gegenliebe stößt. Bei uns in der Bildung ist es dann genauso, wie in den Geschäften auf der Kirmes. Trifft das Angebot den Geschmack der Kunden, dann läuft es. Im Fall des Ausbildungsberufes war ich überzeugt das Richtige zu tun. Eines ist klar, ohne das Engagement der Schausteller der ersten Stunde, wird die Ausbildung nicht weiter reifen können. Die bisherigen Erfahrungen der Teilnehmer haben schon Einzug in die Gestaltung der Kurse 2015 gehalten. Ein Erfolgsrezept geht nicht alleine, hierfür braucht es tatkräftige Unterstützung und die kommt momentan von den Schaustellern selbst.